Elfengesang

 

 

 

 

 

 

 

Schön war jener Tag nur für jene, die nicht ahnten, dass manche Wunder im Licht beginnen und einen doch tief in den Schatten führen. Robert hätte zufrieden sein müssen. Er war Hirte; groß, drahtig, dunkelhaarig, mit Händen, in deren rauer Haut sich Jahre aus Wind, Kälte und Arbeit eingeschrieben hatten. Er besaß eine Hütte, eine Herde und genug Brot für den Winter. Nach allem, was man im Dorf sagte, war das ein gutes Leben. Nur hatte ihm nie jemand gesagt, was man mit einem guten Leben anfangen sollte, wenn es sich trotzdem leer anfühlte. Diese Leere war kein richtiger Schmerz. Eher eine Stille, die abends in seiner Hütte saß und auf ihn wartete, noch bevor er selbst eintrat.
Heute war ein sonderbarer Tag. Ihm waren zwei Schafe entlaufen. Sie waren durch eine Lücke in der Trockenmauer in Richtung Wald verschwunden, eben dorthin, wo die alten Geschichten begannen. Robert fluchte, nahm seinen Hirtenstab und folgte den Spuren. Er fand Wolle an Dornen, deutliche Hufabdrücke im Erdreich - und dann vernahm er den Gesang.
Zuerst hielt er ihn für Wind, doch dann löste sich aus dem Rauschen eine Stimme: glockenhell, mühelos und von einer Schönheit, die ihn nicht beruhigte, sondern erschreckte. Alles andere im Wald wurde still. Selbst der Gedanke an die verlorenen Schafe verblasste, ohne dass er es bemerkte. Der Gesang zog sich durch ihn hindurch, als hätte jemand genau jene Leere in ihm gefunden und zum Klingen gebracht.
Er hätte umkehren sollen. Jeder im Dorf kannte die Geschichten über Stimmen im Wald und Menschen, die auf einer Lichtung tanzten und am Morgen als Greise heimkehrten.
Und dennoch folgte er.
Je tiefer er ging, desto wärmer wurde die Luft. Der Herbstwind fuhr kalt durch die Kronen, doch um ihn herum duftete es nach Sommerregen und jungen Blättern. Auch der Wald selbst veränderte sich. Nicht plötzlich und nicht so, dass Robert hätte sagen können, woran er es merkte. Und doch war er nicht mehr derselbe Wald wie eben noch. Die Schatten lagen anders zwischen den Stämmen. Das Licht wirkte dichter. Selbst das Schweigen schien zu lauschen. Dann öffnete sich der Wald. Vor ihm lag die alte Quelllichtung. Ein gewöhnlicher Ort aus Stein, Wasser und Moos - und heute doch verwandelt. Die Quelle leuchtete von innen heraus; darüber schwebten Schmetterling in allen Farben des Regenbogens, als hätten Gedanken Flügel bekommen.
Am Rand der Quelle saß eine Gestalt. Sie hatte Robert den Rücken zugewandt. Klein war sie, zierlich, aber nicht kindlich. Ihr silbergraues Haar wand sich um ein feines Geweih. Spitze Ohren schimmerten zwischen den Strähnen. Mit auffallend feingliedrigen, beinahe zerbrechlichen Händen strich sie über das Wasser. Wo ihre Finger es berührten, liefen Kreise aus Licht davon. Dann sang sie wieder.
»Oh du einsamer Wandersmann,
komm zu mir und sieh mich an.
Fürchte nicht, was hier erwacht,
wo die Quelle Träume macht.
Tritt hervor aus Dorn und Stein,
niemand bleibt für immer allein.«
Die Worte waren einfach, doch darunter lag ein Lockruf, alt wie Wurzeln. Für einen Moment vergaß Robert seinen Namen. Da drehte die Gestalt den Kopf.
Sie konnte ihn unmöglich sehen. Nicht durch die Schlehen, nicht auf diese Entfernung. Und doch fanden ihre Augen ihn sofort. Sie waren blau, doch nicht wie Blumen oder der Himmel. Dieses Blau war tiefer, unruhiger und durchzogen von tobenden Stürmen. Ihr Blick las ihn bis auf die Knochen und sah selbst das, was er vor sich selbst verborgen hielt.
Für einen Augenblick glaubte Robert, im Wasser hinter ihrem Spiegelbild noch ein zweites Gesicht zu sehen - nicht auf dieser Seite, sondern in einer Tiefe, die hinter dem Wasser lag. Hoch. Dunkel. Horngekrönt. Kein Gesicht, eher die Erinnerung an eines: zwei matte Lichter hinter schwarzem Glas und darüber eine Krone, die wirkte, als wäre sie aus Dornen, Schatten und alten Eiden gewachsen.
Dann glitt ein Schmetterling über die Oberfläche, und das Bild zerbrach.
Die zierliche Gestalt lächelte.
»Warum kommst du nicht heraus?«, fragte sie. »Oder hast du Angst vor einer Sängerin?«
Robert antwortete nicht. Sein Verstand wusste, dass er fliehen musste. Sein Körper aber gehorchte einer anderen Macht. Langsam trat er aus dem Dornenschatten.
»Da bist du ja.«
»Wer bist du?«, brachte er hervor.
»Lirana.«
Sie sagte den Namen, als erkläre er alles.
»Was bist du?«
Lirana legte den Kopf schief.
»Das ist die langweiligere Frage.«
»Für mich nicht.«
Sie lachte, doch diesmal lag etwas darin, das Robert nicht deuten konnte.
»Für dich«, sagte sie leise, »bin ich der Grund, warum du heute nicht nach Hause gehst.«
Noch bevor Robert begriff, was sie meinte, sprang sie auf. Eben noch saß sie am Wasser, im nächsten Augenblick stand sie vor ihm. Ihr Duft traf ihn: Regen auf warmem Gras, reife Beeren, kalte Erde und der erste Schnee auf totem Laub.
Sie war jung und alt zugleich, kindhaft verspielt und erfüllt von etwas, das älter war als jeder Name. Zu viel für einen menschlichen Verstand. Also ließ Robert sie einfach auf sich wirken. Unverhohlen küsste sie ihn auf die Wange. Nur einen Hauch lang und doch brannte die Berührung bis in sein Herz.
Als sie sich löste, wirkte die Welt hinter ihr verändert. Das Licht war weniger hell als eben noch. Die Sonnenstrahlen erschienen weniger warm. Gerüche, Geräusche und Farben verloren an Schärfe.
»Fang mich, wenn du kannst«, flüsterte sie. »Folge mir, Robert von den Hügelweiden. Ich zeige dir Dinge, die deine Welt vergessen hat. Ich lasse dich an deinem Verstand zweifeln. Vielleicht verlierst du ihn. Vielleicht findest du erst dann heraus, was du wirklich bist.«
»Woher kennst du meinen Namen?«
»Ich kenne mehr als deinen Namen.«
Dann lief sie einfach los, als wüsste sie, dass er ihr folgen würde.
Robert stand einen Herzschlag lang wie angewurzelt da. Dann wurde der Gedanke, sie aus den Augen zu verlieren, unerträglich. Er rannte hinter ihr her, während Lirana zwischen den Bäumen tanzte wie sanftes Waldlicht.
Mit jedem Atemzug wich etwas Schweres aus ihm: Arbeit, Sorgen, unausgesprochene Wünsche. Alles löste sich, und er rannte wieder wie ein Junge.
Der Wald veränderte sich. Buchen wurden höher, als sie sein konnten. Die Rinde der Eichen trug Gesichter. Ein Fuchs mit weißen Augen verneigte sich vor Lirana und ging auf zwei Beinen weiter.
»Nicht zurücksehen!«, rief Lirana. Natürlich tat er es doch.
Hinter ihm war kein Wald mehr. Dort, wo eben noch seine Welt gelegen hatte, stand eine Wand aus Nebel. Darin bewegten sich Schatten. Einer war so groß, dass Robert nur eine Schulter, ein Horn und eine Hand mit krallenhaften Fingern erkannte.
»Lauf«, rief Lirana.
Kälte griff aus dem Nebel nach ihm. Sie zischte etwas, das nicht nach Sprache klang und doch Befehl war: »Vaer neth! Silarûn!« Dann packte sie seine Hand, und die Welt riss auf. Robert stürzte durch Farben, für die seine Welt keine Namen hatte, durch Musik, die nicht an sein Ohr drang, sondern süß und fremd auf seiner Zunge lag. Durch eine Dunkelheit, in der Sterne wie versunkene Feuer brannten. Dann landete er auf weichem Gras.
Vor ihnen lag eine gewaltige Lichtung mit einem schwarzen Teich in der Mitte. Darüber hing ein Mond, viel zu groß und zu nah. Am Rand standen weiße Bäume, und über dem Wasser schwirrten Libellen mit Flügeln wie farbiges Glas.
»Wo sind wir?«, fragte Robert.
Lirana hob die Arme, als präsentiere sie ihm ein Königreich.
»Zu Hause.«
»Das ist nicht möglich.«
»Die meisten wahren Dinge sind es nicht.«
»Lirana.«
Sie sah ihn an.
»Wo sind wir?«
Ihr Lächeln wurde weicher.
»Im Feenreich.«
Das Wort traf ihn härter, als er erwartet hatte. Feenreich. Ein Märchenwort. Kein Ort aus Gras, Mond, Wind und atmender Dunkelheit, an den ein Mensch wirklich gelangen konnte. Und doch stand er darin.
Lirana ging zum Teich, ließ ihr Kleid ins Gras gleiten und sprang ins Wasser. Sie schwamm wie ein Fisch - nein, nicht wie ein Fisch, dachte Robert, denn kein Fisch hatte je so gelacht. Sie tauchte, erschien an anderer Stelle wieder und redete dabei weiter, als brauche sie keinen Atem. Dann kam sie mit einem schimmernden Fisch zurück, biss ihm den Kopf ab und verspeiste ihn roh.
Robert erstarrte.
»Ihr Menschen seid seltsam«, sagte Lirana und wischte sich über den Mund. »Ihr wollt Wunder sehen, aber bitte nur solche, die sich benehmen.«
Sie hatte etwas Spielerisches an sich - diese helle, unberechenbare Freude an Bewegung, Klang und Augenblick. Und doch lag darunter etwas Fremdes, Wildes und erschreckend Altes: eine Beiläufigkeit, mit der sie heilte und zerstörte, lockte und verschlang, als gäbe es zwischen Zärtlichkeit und Grausamkeit keine Grenze, die sie je gelernt hätte.
Er hätte sich fürchten müssen. Das tat er auch. Nur war die Furcht nicht stark genug.
Stattdessen begann die Zeit zu zerfallen.
Später wusste Robert nicht mehr, wie lange er im Feenreich gewesen war. Eine Nacht oder Jahre? Vielleicht beides. Seine Erinnerungen lagen verstreut wie Glasscherben in hohem Gras.
Er erinnerte sich an einen Hain voller kranker Bäume. Lirana legte die Hände auf den ältesten Stamm und sang lautlos. Unter ihren Fingern heilte die Rinde, Grün brach hervor und zarte Knospen öffneten sich im Mondlicht. Da begriff Robert: Lirana konnte Leben zurückgeben - nicht mit Andacht, nicht mit Mühe, sondern mit derselben Beiläufigkeit, mit der andere einen Stein ins Wasser warfen.
Er erinnerte sich an einen See zwischen schwarzen Felsen, so still, als hätte selbst der Wind vergessen, ihn zu berühren. Das Wasser war dunkel und blind, bis Lirana sich an sein Ufer kniete und mit zwei Fingerspitzen die Oberfläche berührte. Da klärte es sich - wie ein Auge, das sich öffnete. Bilder stiegen darin auf: eine Stadt unter Schnee, menschenleer und doch voller Stimmen; ein Turm, der brannte, ohne zu Asche zu werden; ein Kind mit blutigen Händen, das nicht weinte; ein Wolf aus Glas, in dessen Brust ein fremdes Herz schlug.
Robert wich einen halben Schritt zurück.
»Was ist das?«, fragte er leise. »Erinnerung? Ein Traum? Oder eine Warnung?«
Lirana sah nicht zu ihm auf. Ihr Blick blieb auf dem Wasser, und zum ersten Mal wirkte sie nicht verspielt, sondern beinahe traurig.
»Alles«, sagte sie. »Manchmal ist das dasselbe.«
Da begriff Robert, dass dieses Reich nicht nur Orte zeigte. Es zeigte Möglichkeiten. Dinge, die gewesen waren. Dinge, die hätten sein können. Dinge, die vielleicht erst deshalb geschehen würden, weil jemand sie gesehen hatte.
Er erinnerte sich an ein Feuer, dessen Flammen nicht nach außen schlugen, sondern nach innen brannten, als verzehrten sie etwas, das man nicht sehen konnte. Kein Rauch stieg daraus auf. Kein Holz knackte. Es war ein stilles Feuer, blau im Kern und silbern an den Rändern, und sein Licht legte sich kalt auf Roberts Haut. Lirana kniete davor, als lausche sie ihm. Dann griff sie mit bloßen Händen hinein. Die Flammen wichen ihr nicht aus. Sie schmiegten sich um ihre Finger, folgten jeder Bewegung, bis sie daraus eine kleine Kugel formte - leuchtend wie Glut, kühl wie Quellwasser. Aus dünnen Wurzeln flocht sie eine Kette. Zuletzt zog sie eine einzelne Strähne aus ihrem silbernen Haar und band sie hinein. Erst dann legte sie Robert die Kugel in die Hand.
»Für dein Herz«, sagte sie leise. »Trage sie.«
Robert schloss die Finger darum. Das Licht pulsierte schwach gegen seine Haut, beinahe wie ein zweiter Herzschlag.
»Warum gibst du mir das?«
Lirana sah ihn an, und für einen Moment war nichts Spielerisches mehr in ihrem Gesicht. Nur eine Traurigkeit, die viel älter war als er.
»Weil du zurückgehen wirst.«
Robert wollte widersprechen. Er wollte sagen, dass sie sich irrte, dass er keinen Grund hatte, in eine Welt zurückzukehren, die vor ihr nur aus Arbeit, Brot und stillen Abenden bestanden hatte. Doch da zerfiel die Erinnerung bereits, als hätte das Feenreich selbst beschlossen, dass er diesen Schmerz noch nicht behalten durfte.
Er erinnerte sich an ein Gewitter, das über dem Feenreich zerbrach, als reiße der Himmel selbst auf. Der Donner rollte nicht über die Hügel; er kam aus ihnen, aus der Erde, aus den schwarzen Bäumen und sogar aus Roberts eigenem Brustkorb.
Und mitten darin tanzte Lirana. Barfuß im nassen Gras, das Haar silbern vom Sturm, das Gesicht dem Himmel zugewandt. Wenn ein Blitz nach ihr schlug, wich sie nicht zurück. Sie hob lachend die Hand und fing ihn auf, als wäre er nichts als ein Band aus Licht, das sich für einen Augenblick um ihre Finger wand. Da begriff Robert, dass sie nicht verletzlich war wie er. Nicht sterblich in der Weise, wie er sterblich war. Und dass Liebe zu einem Wesen wie ihr immer auch bedeutete, etwas zu lieben, das ihn überdauern würde. Etwas, das ihn vielleicht nicht aus Grausamkeit verletzte, sondern aus bloßer Fremdheit. Weil es seine Grenzen nicht kannte. Weil es nicht wusste, wie leicht ein Menschenherz zerbrach.
Er erinnerte sich auch an Schrecken.
An einen Körper, der einst ein Mensch gewesen sein musste. Er kniete am Rand eines Blumenfeldes, reglos und aufrecht, als bete er. Um ihn herum blühten rote, gelbe und weiße Kelche, schön wie gemalte Dinge. Doch aus seinen Augen wuchsen feine, bleiche Wurzeln. Sie liefen über seine Wangen, verschwanden in seinem Mund, krochen in die Erde hinab und verbanden ihn mit dem Boden, als hätte das Reich ihn nicht getötet, sondern eingepflanzt. Das Schlimmste aber war sein Lächeln. Es war nicht verzerrt und auch nicht gequält. Es war friedlich. Fast dankbar. Robert blieb stehen, obwohl alles in ihm weiterwollte.
»War er wie ich?«, fragte er. Lirana sah den Mann nicht an, als sie antwortete. »Einmal.«
»Was ist mit ihm geschehen?«
»Er hat zu lange geglaubt, alles hier gehöre ihm.«
Robert schluckte. »Lebt er?«
»Nicht auf eine Art, die ihm noch hilft.«
Da begriff Robert, dass das Feenreich seine Gefangenen nicht mit Ketten hielt. Es musste das gar nicht. Es schenkte ihnen Schönheit. Bedeutung und Wunder. Etwas, das größer war als ihr altes Leben. Und dann wartete es, geduldig wie Moos auf Stein, bis sie selbst vergaßen, dass es je einen Weg zurück gegeben hatte.
Ein anderes Mal fand Robert seine eigenen Fußspuren im Schlamm. Sie führten vor ihm her. Zuerst glaubte er, sich zu täuschen. Doch da waren sie: die Abdrücke seiner Stiefel, tief und unverkennbar, mit dem schiefen Absatz, den er seit Jahren kannte. Sie liefen den Pfad entlang, den er noch nie betreten hatte. Neben ihnen standen Liranas Spuren, schmal und leicht, kaum mehr als Eindrücke im nassen Boden. Dahinter war etwas anderes. Tiefere Spuren. Riesig. Krallenartig. So schwer in den Schlamm gedrückt, als hätte etwas Großes dort gestanden und lange gewartet.
Lirana wurde still. Als wäre etwas in ihr erloschen. »Wir müssen fort.«
»Warum?«
Sie legte ihm eine Hand auf den Mund. Da hörte er es. Keinen Gesang. Kein Knacken im Geäst. Kein Rascheln. Stattdessen ein Atmen.
Der ganze Boden atmete. Als läge unter der Erde ein gewaltiges Tier und prüfe mit jedem Atemzug, wo sie waren.
Lirana zog Robert in eine Senke, drückte ihn zwischen Farne und feuchtes Gras und bedeckte ihn mit Laub. Dann beugte sie sich über ihn und küsste ihm die Stirn. Ihre Lippen waren kalt.
»Kein Wort«, flüsterte sie. »Kein Gedanke, wenn du es schaffst.«
Der Mond erlosch. Nicht, als zöge eine Wolke vorüber. Er war einfach fort, als hätte eine Hand ihn aus dem Himmel genommen. Tiefe Dunkelheit fiel über sie, dicht und vollkommen. Robert lag darunter, den Atem flach in der Brust, und spürte, wie etwas an ihnen vorbeizog. Es war eher eine Anwesenheit als ein Körper, und doch bog sich das Gras unter ihrem Gewicht. Die Luft wurde schwer. Die Farne über Roberts Gesicht vereisten an den Rändern. Eine Kälte glitt über ihn hinweg, nicht über seine Haut, sondern darunter. Sie tastete in ihm. Suchte nicht nach Fleisch, nicht nach Blut, sondern nach Erinnerung. Plötzlich sah Robert seine Mutter vor sich, wie sie am Tisch stand und Brot schnitt. Ihre Hände waren rot vom kalten Wasser. Ein Haar hatte sich aus ihrem Tuch gelöst. Sie summte ein Lied, das er längst vergessen geglaubt hatte.
Die Kälte hielt inne.
Robert begriff, dass dieses Ding ihn nicht ansah. Es las ihn. Und wenn es die Erinnerung ganz fand, wenn es den Faden bis zu seinem Namen zurückverfolgte, dann würde es wissen, wer er war. Vielleicht sogar, woher er kam. Er presste die Zähne zusammen, bis Blut seinen Mund füllte.
Das Bild seiner Mutter flackerte. Zerriss. Und die Kälte zog weiter.
Lange geschah nichts. Robert wagte nicht zu atmen. Erst als der Mond wieder aufflammte - blass, als hätte selbst sein Licht Angst gehabt - hob Lirana langsam den Kopf. Sie zitterte am ganzen Leib. Nicht wie jemand, dem kalt war. Wie jemand, der wusste, wie knapp der Tod an ihm vorbeigegangen war.
»Was war das?«, fragte Robert.
»Nicht jetzt.«
Ihre Antwort kam zu schnell. Zu hart. Sie sah ihn nicht einmal an, sondern lauschte noch immer in die Dunkelheit, als könne ein falscher Atemzug das Etwas zurückholen.
»Lirana.«
Da fuhr ihr Blick zu ihm. Nicht wütend - nicht nur. Darin lag Angst, blank und scharf, und darunter eine Anspannung, die jede Weichheit aus ihrem Gesicht geschnitten hatte.
»Nethra vael«, zischte sie, so leise, dass es mehr durch Robert hindurchging, als dass er es hörte.
Dann erst sagte sie in seiner Sprache: »Nicht. Jetzt.«
Robert verstummte augenblicklich. Doch in ihm blieb etwas zurück. Ein Riss im Vertrauen, kaum sichtbar, aber tief genug, dass Angst darin Wurzeln schlagen konnte. Bis zu diesem Augenblick hatte Robert geglaubt, Lirana führe ihn durch ein gefährliches Wunder. Nun begriff er, dass es auch tödlich war.
Irgendwann - wenn es ein Irgendwann gab - lag Robert neben Lirana auf Moos, das weicher war als jedes Bett. Der Mond hing groß und silbern über ihnen, und sein Licht glitt über ihre nackte Haut, als wäre sie nicht nur davon berührt, sondern daraus gemacht. Es sammelte sich auf ihren Schultern, brach sich in den feinen silbernen Spuren ihres Körpers und ließ jede Kontur märchenhaft erscheinen. Lirana kannte keine Scham. Sie war ihr fremd. Scham war etwas Menschliches, ein Mantel aus Regeln und Angst. Sie aber lag da, als sei Nacktheit nur eine andere Form von Wahrheit. Der Wind strich durch ihr Haar, hob die silbernen Strähnen und ließ sie über ihre Haut gleiten, als gehöre er zu ihr, als sei er ein unsichtbarer Teil ihres Wesens.
Langsam drehte sie sich zu ihm. Nicht hastig, nicht bewusst lockend, und gerade deshalb verführerisch. Ihre Finger berührten die Feuerkugel an seinem Hals, so leicht, dass Robert nicht wusste, ob sie ihn streifte oder nur das Licht zwischen ihnen. Dann sah sie ihn an.
In ihren Augen lag alles, was ihn hier hielt. Das Versprechen einer Welt, in der er kein Hirte mit leeren Abenden war. Ihr Blick war weich und gefährlich zugleich, verheißungsvoll wie eine Tür, die sich nur ein einziges Mal öffnete. Für einen Augenblick vergaß Robert beinahe die Frage, die ihn gequält hatte. Doch dann kehrte sie zurück. Leise. Hartnäckig. Wie ein Stein unter der Zunge.
»Wirst du mich gehen lassen, wenn ich gehen will?«, fragte er.
Lirana schwieg lange. »Ja.«
»Hast du mich geprüft?«
Ein kaum merkliches Lächeln. »Du hättest fliehen können.«
»Wann?«
»Mehrmals.«
Erst da begriff Robert, dass manche ihrer Wunder keine Geschenke gewesen waren, sondern Prüfungen.
»Und wenn ich geflohen wäre?«
»Dann hätte ich dich gehen lassen.«
»Lügst du?«
Lirana sah ihn an, und in ihren Augen lag nichts, woran ein Mensch sich festhalten konnte.
»Ein wenig.«
Robert hätte erschrocken sein müssen. Stattdessen spürte er eine seltsame Traurigkeit. Nicht, weil sie ihn getäuscht hatte. Sondern weil ein Teil von ihm die Täuschung gewollt hatte.
»Wie lange bin ich hier?«
»Das ist eine Menschenfrage.«
»Ich bin ein Mensch.«
»Noch.«
»Was soll das heißen?«
»Diese Welt verändert, was sie berührt. Wenn du zu lange bleibst, passt du nicht mehr in deine Welt.«
Robert dachte daran, zu gehen. Zurück zu den Weiden und seinen Schafen. Doch dann sah Lirana ihn an, und er verstand. Nicht das Feenreich hielt Menschen gefangen. Sondern das, was sie darin endlich zu finden glaubten.
Später fragte Robert: »Warum hast du ausgerechnet mich geholt?«
»Weil du mich gehört hast«, antwortete sie, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.
»Jeder hätte dich gehört.«
»Nein. Viele vernehmen den Klang, aber nur wenige hören den Ruf.«
»Hast du mich beobachtet?«, wollte er wissen.
»Ja.«
»Warum?«
»Weil du einsam warst, ohne bitter zu werden. Weil du an der Quelle nie etwas genommen hast, ohne etwas zurückzulassen. Und weil du durch die Risse sehen kannst.«
»Welche Risse?«
»Zwischen deiner Welt und meiner. Früher standen die Tore offen. Nicht weit und nicht für jeden. Aber weit genug, dass wir einander noch hörten.
Dann kam das Eisen. Die Gebete. Und die Grenzen, die ihr damit errichtet habt. Eure Welt wurde lauter. Härter. Ihr gabt Dingen Namen, die besser namenlos geblieben wären. Und mit jedem Namen, den ihr ausspracht, wurde ein Spalt kleiner. Bis die Tore sich schlossen.«
»Und jetzt?«
»Jetzt verrottet mein Reich an seinen Rändern.«
Zum ersten Mal sah Robert es: den schwarzen Saum an den Gräsern, die Risse in der Luft, den Geruch nach kalter Asche.
»Was geschieht hier?«
Lirana wandte den Blick ab. Für einen Moment wirkte sie nicht mehr wie das Wesen, das Blitze mit bloßen Händen fing und Mondlicht in sein Haar band. Für einen Moment sah sie aus, als lausche sie einem Schmerz, der tief unter dem Feenreich schlief.
»Ein Schatten sitzt auf einem Thron«, sagte sie leise, »der nie einen Herrn haben durfte.«
Robert erstarrte.
Die Geschichten aus seinem Dorf stiegen in ihm auf. Alte Stimmen am Herdfeuer. Warnungen, die man Kindern zuflüsterte, damit sie vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause kamen. Der dunkle Herrscher des Feenreiches. Der Name, den die Alten niemals nach Sonnenuntergang aussprachen. Und ehe Robert begriff, was er tat, formten seine Lippen ihn.
»Farunier.«
Mehr war es nicht. Ein Hauch. Kaum hörbar. Doch Lirana zog die Luft ein, als hätte er ihr eine Klinge zwischen die Rippen gestoßen.
Dann schlug sie ihn.
Nicht zornig. Nicht einmal wirklich gezielt. Es war eine erschrockene, uralte Bewegung, schneller als ein Gedanke - und hart genug, dass Robert zurücktaumelte. Die Lichtung kippte. Der Mond zerriss in silberne Splitter. Noch während seine Knie nachgaben, entglitt ihm die Welt.
Als er erwachte, lag sein Kopf in Liranas Schoß. Sie weinte und das erschreckte ihn mehr als der Schlag.
Ihre Tränen fielen auf seine Haut und wurden kalt, kaum hatten sie ihn berührt. In ihrem Gesicht lag keine Wut mehr. Nur Angst. Nackte, ungeschützte Angst.
»Sprich diesen Namen nie wieder«, flüsterte sie. Ihre Stimme war kaum mehr als Atem.
»Niemals, Robert. Nicht hier.«
Sie beugte sich tiefer zu ihm, und ihre Finger krallten sich in sein Hemd, als könne sie ihn dadurch vor etwas verbergen, das ihn längst bemerkt hatte.
»Er spürt ihn. Jeder Laut ist eine Tür, die sich ihm öffnet.«
Die Lichtung veränderte sich. Zuerst verschwanden die Grillen. Dann der Wind. Dann das Plätschern des Wassers. Am Rand der Lichtung sammelte sich Dunkelheit und Schmetterlinge fielen tot aus der Luft.
Lirana beugte sich schützend über ihn.
»Atme leise«, hauchte sie, dann flüsterte sie etwas in jener anderen Sprache, schmal und schneidend wie Eis auf Glas.
»Tharûn el vey. Neth sa mor.«
Robert verstand kein Wort. Aber er begriff es intuitiv. Etwas kam. Zwischen den Bäumen erschien eine Gestalt, halb verborgen im Dunkel. Hoch. Mit Mantel, dunklem Horn und Krone. Wo ein Gesicht sein musste, glommen zwei matte Lichter.
Robert spürte, wie diese Lichter nach ihm suchten. Nicht nach seinem Körper, sondern nach seiner Erinnerung. Nach dem Geschmack von Brot auf der Zunge. Nach dem Rauchgeruch seiner Hütte. Nach dem Klang seiner eigenen Stimme, wenn er die Schafe rief. Alles, was ihn zu Robert machte, löste sich plötzlich aus ihm heraus - leicht, lose, greifbar. Und bedroht.
Die Feuerkugel an seinem Hals glühte auf. Lirana presste sie gegen seine Brust. Ihr Lied begann ohne Ton, und das Licht legte sich wie ein Schleier um ihn.
Die Gestalt verharrte und neigte den Kopf. Robert hörte eine Stimme, obwohl kein Laut erklang.
Menschenherz.
Dann verschwand sie zwischen den Bäumen und Lirana sackte erschöpft neben Robert zusammen.
»Er weiß von dir«, sagte sie.
»Was will er?«
»Was er immer will. Einen Weg.«
»Durch mich?«
»Vielleicht. Du hast die Schwelle lebend überschritten. Für ihn bist du kein Gast. Du bist ein Schlüssel.«
»Warum kommt er nicht selbst in meine Welt?«
Lirana sah ihn an, und in ihrem Blick lag die erste wirkliche Müdigkeit, die Robert je an ihr bemerkt hatte.
»Weil er gefangen ist. Seit langer Zeit ist er der Möglichkeit beraubt, zwischen dieser Welt und eurer zu wandern. Aber seine Gefangenschaft hat ihn nicht schwächer gemacht.«
»Sie hat ihn böse gemacht.«
Robert schwieg.
»Er verliert niemals eine Spur, die er einmal aufgenommen hat«, sagte Lirana. »Und nun hat er deine.«
Von diesem Moment an wurde das Feenreich enger. Nicht sichtbar, doch die Wege wirkten kürzer, die Schatten dichter und das Mondlicht kälter. Lirana lachte noch immer, sang noch immer, zeigte Robert Gärten aus Licht und Höhlen, in denen Sterne wie schlafende Tiere atmeten. Aber etwas hatte sich verändert. Ihre Freude bekam Risse. Immer häufiger brach sie mitten im Satz ab und lauschte in Richtungen, in denen Robert nichts sah.
Der Schattenherr fand ihre Spuren.
Manchmal jagten schwarze Reiter unter Nebelbrücken dahin, lautlos und schnell wie schlechte Gedanken. Manchmal sangen leere Kinderstimmen aus dem Farn Roberts Schlaflied, obwohl er es niemandem je beigebracht hatte. Wenn Robert fragen wollte, fuhr Lirana herum.
»Nicht«, sagte sie dann, hart genug, dass seine Worte starben. »Das lockt sie nur näher.«
Einmal riss sie ihn im letzten Augenblick hinter einen Baum aus weißer Rinde und flüsterte so schnell in ihrer Sprache, dass die Worte wie zitternde Dornen klangen. Die Luft vor ihnen wurde dunkel. Etwas roch an der Stelle, an der Robert eben noch gestanden hatte.
Dann zog es weiter.
Und Robert begriff: Farunier suchte nicht mehr.
Er lernte.
Lirana kam im fahlen Licht eines Tages zurück, der keiner war, mit Blut an den Händen und einem Riss in ihrem Geweih.
»Frag nicht«, sagte sie und Robert schwieg, doch er wusste: Seine Anwesenheit war Gift. Schließlich führte Lirana ihn an einen Ort, den sie nie zuvor betreten hatten.
Zur Quelle.
Nicht zu jener in Roberts Welt, sondern zu ihrem Spiegel im Feenreich. Hier war das Wasser schwarz und still. Es trat aus einem Baum, dessen Wurzeln in den Himmel wuchsen und dessen Krone tief in der Erde steckte. Um den Stamm hingen tausend kleine Glöckchen. Keines bewegte sich.
Robert verstand, bevor sie sprach.
»Nein.«
»Du musst gehen«, drängte sie.
»Nein.«
»Er wird dich finden.«
»Dann laufen wir weiter.«
»Es gibt kein Weiter mehr. Jeder Weg endet inzwischen bei ihm. Jeder Schatten lernt deinen Geruch. Jeder Traum verrät dich.«
»Dann komm mit mir.«
Jetzt sah sie ihn an, und ihre Traurigkeit traf ihn härter als jede Gewalt.
»Ich kann nicht.«
»Du hast gesagt, es gab früher Tore.«
»Ein Tag«, sagte sie. »Vielleicht weniger. So lange könnte ich in deiner Welt atmen. Dann würde sie mich töten. Nicht mit Eisen oder Feuer. Mit Wirklichkeit. Eure Welt ist zu fest geworden. Zu schwer. Ich würde darin vertrocknen wie ein Lied in einem geschlossenen Mund.«
Robert trat zu ihr. »Dann bleibe ich.«
»Wenn du bleibst, nimmt er dich.«
»Vielleicht nicht.«
»Doch.« Zum ersten Mal schrie sie ihn an. »Glaubst du, ich hätte dich nicht behalten, wenn es eine Welt gäbe, in der das möglich wäre?«
Ihre Stimme brach und die Glöckchen am Baum begannen zu zittern.
Aus der Ferne kam ein Klang wie ein Hornruf. Die Quelle kräuselte sich. Im schwarzen Wasser erschien ein Schatten mit Krone. Lirana packte Roberts Gesicht zwischen beide Hände.
»Hör mir zu. In deiner Welt werden Jahre vergangen sein. Vielleicht wenige. Vielleicht viele. Suche nicht nach mir.«
»Das kann ich nicht versprechen.«
»Dann lüg.«
»Lirana …«, sagte er, doch sie küsste ihn, bevor er weiterreden konnte. Nicht spielerisch wie am Anfang. Nicht lockend. Es war ein Abschied. Robert hielt sie fest, als könnte er mit bloßen Händen eine Welt zusammenhalten. Doch je fester er sie hielt, desto deutlicher begriff er, dass sie ihm bereits genommen wurde. Nicht von ihr. Nicht von ihm. Von etwas Größerem, Grausamerem, das zwischen ihnen stand wie eine unsichtbare Klinge.
Dann stieß sie ihn von sich.
»Geh.«, schrie sie.
»Nein.«, rief er entschlossen. In ihren Augen flackerte Schmerz auf. Dann wurden sie dunkel, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte.
»Robert von den Hügelweiden«, sagte sie, und seine ganze Seele hörte auf diesen Namen. »Ich entlasse dich aus meinem Lied. Ich entlasse dich aus meinem Blick. Ich entlasse dich aus dieser Welt.«
»Lirana, bitte.«
»Du bist nur dort sicher«, sagte sie. »In deiner Welt. Dorthin kann er dir nicht folgen.«
»Und wenn ich zurückkomme?«
Ihre Lippen bebten.
»Dann findet er dich. Und wenn er dich findet, findet er vielleicht den Weg.«
Robert begriff. Sie schickte ihn fort, weil sie ihn liebte und gerade deshalb tat es schlimmer weh, als jede Grausamkeit es je gekonnt hätte. Und sie beide wussten: Er durfte nie wieder zurück.
Der Boden riss um ihn herum auf. Ein stürmischer Wind packte ihn, schleuderte ihn rückwärts. Robert streckte die Hand nach ihr aus. Lirana stand am Rand der Quelle, silberhaarig, zitternd, wunderschön und verloren. Hinter ihr wuchs der Schatten aus dem Wasser.
»Lirana!«
Sie lächelte wehmütig, dann schloss sich die Welt. Robert fiel durch Nacht, Klang und Erinnerungen, die nicht wussten, wem sie gehörten. Er sah seine Schafe. Seine Mutter. Den Teich im Feenreich. Liranas Hände voller Licht. Die Augen des Schattenherrn hinter schwarzem Glas.
Im nächsten Moment schlug er hart auf nasser Erde auf.
Als er erwachte, lag er an der Quelle seiner Kindheit. Der Morgen war grau. Sanfter Nebel hing zwischen den Bäumen. Neben ihm rupften zwei Schafe friedlich Gras, als wäre nichts geschehen. An seinem Hals hing die Wurzelkette mit der kühlen Feuerkugel.
Er lachte und dann weinte er.
Als er ins Dorf zurückkehrte, erkannte ihn niemand sofort. Nicht, weil er entstellt gewesen wäre, sondern weil die Gesichter, die ihn hätten erkennen müssen, älter geworden waren - und weil er in ihren Erinnerungen längst zu einem Verschwundenen gehört hatte. Sein Name ging von Mund zu Mund wie ein Gerücht. Roberts Hütte war verfallen. Das Dach eingesunken. Die Trockenmauer neu gesetzt. Vor dem Brunnen rief eine Frau nach einem Jungen.
»Robert! Komm her!«
Robert blieb stehen, froh, dass ihn jemand anscheinend erkannte. Ein Kind mit hellem Haar drehte sich zu der Frau um. Für einen törichten Augenblick wollte Robert antworten, doch dann begriff er: Der Name gehörte nicht mehr ihm allein. Er war zu einer Geschichte geworden, die man Kindern gab, ohne zu wissen, dass der Mann darin noch lebte.
Der Schmied war tot. Die Frau, die ihm als Jungen Äpfel zugesteckt hatte, lag längst auf dem Friedhof. An manchen Türen hingen neue Namen. Hinter manchen Fenstern sahen ihn fremde Gesichter an. Und überall dort, wo seine Erinnerung noch sicher gewesen war, hatte die Zeit leise etwas anderes hingestellt.
Neun Jahre, sagten sie.
Neun Jahre, in denen Dächer eingesunken, Kinder geboren und Tote begraben worden waren.
Robert widersprach nicht.
Für ihn war es eine endlose Nacht gewesen. Ein Leben. Irgendwie beides.
Er wurde wieder Hirte, weil Männer wie er in ihrer Welt nur wenige Möglichkeiten hatten, weiterzuleben. Doch nichts war wie zuvor. Manchmal hörte er den Wind singen und sank auf die Knie. Manchmal glühte die Feuerkugel an seinem Hals so hell, dass er sie unter seinem Hemd verbergen musste.
Er heiratete nie. Sein Herz blieb an einer Quelle zurück, in einer Welt, in der der Mond sich nicht bewegte. Jeden Tag ging er zur Lichtung. Er wartete im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Manchmal sang er, obwohl seine Stimme rau war.
»Oh du einsamer Wandersmann …«
Doch Lirana kam nicht. Nur manchmal veränderte sich das Wasser. Ein Hauch von Licht und der plötzliche Duft nach Regen auf warmem Gras. Dann wusste Robert, dass sie lebte. Oder dass er wahnsinnig wurde.
Mit den Jahren wuchs die Menschenwelt über alles hinweg. Wege wurden breiter, Wälder vermessen, Quellen bekamen Namen auf Papier. Die Magie wich nicht plötzlich. Sie wurde vergessen. Und Vergessen, das lernte Robert, war eine der grausamsten Arten zu sterben.
Als er alt war, sehr alt, ging er ein letztes Mal zur Quelle. Mit schweren Schritten und gebeugt von all den Jahren, die ihn schließlich doch eingeholt hatten.
Die Lichtung lag still und seltsamerweise kleiner, als er sie in Erinnerung hatte. Das Wasser sprudelte wie eh und je aus dem Felsen. Kein Leuchten. Keine Schmetterlinge. Kein Gesang.
Robert setzte sich auf den Stein, auf dem Lirana damals gesessen hatte.
»Ich bin müde«, sagte er, aber der Wald antwortete natürlich nicht.
Er zog die Kette unter seinem Hemd hervor. Die Wurzeln waren dunkel geworden, doch nicht brüchig. Die einzelne silberne Haarsträhne glänzte noch immer wie am ersten Tag. Die Feuerkugel dagegen war klein, kaum mehr als ein matter Funke.
Er hatte die Kette getragen, weil sie bewies, dass Lirana wahr gewesen war. Dass er nicht geträumt hatte. Dass ihre Schönheit wahr gewesen war. Und die Gefahr ebenso wie ihre Liebe. Doch mit den Jahren war aus dem Beweis eine Fessel geworden.
»Ich habe gewartet und ausgeharrt«, flüsterte er. »Jeden Tag.«
Seine Finger schlossen sich fester um die Kette.
»Ich habe dich nicht vergessen.«
Da kräuselte sich die Quelle, als hätten seine Worte etwas in ihr geweckt. Für einen Moment sah Robert im Wasser nicht sein eigenes altes Gesicht, sondern den großen Mond über dem Feenreich. Die weißen Bäume und einen schwarzen Teich.
Und Lirana.
Sie stand am anderen Ufer, unverändert und doch gezeichnet. Ein Ast ihres Geweihs war gebrochen, ihre Augen wirkten dunkler, als hätten auch sie Jahre getragen, die in seiner Welt niemand zählen konnte. Aber sie war es.
Robert hob eine zitternde Hand und Lirana tat dasselbe. Zwischen ihren Handflächen lag nur Wasser. Und eine ganze Welt.
»Ich kann nicht mehr warten«, sagte Robert müde. Ob sie ihn hörte, wusste er nicht. Doch in ihrem Gesicht geschah etwas. Ein Schmerz trat darin hervor, so tief, dass keine Träne ihm gerecht geworden wäre.
Robert zwang sich zu einem Lächeln, dann ließ er die Kette los, weil Liebe manchmal nicht darin bestand, etwas festzuhalten. Sondern darin, es freizugeben.
Die Kette fiel ins Wasser.
Die Feuerkugel sank langsam, ohne zu verlöschen. Kurz bevor sie den Grund berührte, flammte sie auf, und blaues Licht breitete sich in der Quelle aus. Für einen Herzschlag roch die Luft nach Frühling, Herbst, Schnee und Regen zugleich.
Liranas Spiegelbild beugte sich vor. Ihre Lippen bewegten sich, doch Robert hörte nichts. Dennoch verstand er: Fang mich, wenn du kannst.
Er lachte leise.
Dann stand er auf. Der Himmel über ihm dunkelte nach, nicht bedrohlich, nur abendlich. Ein gewöhnlicher Abend in einer Welt, die längst aufgehört hatte, Wunder zu erwarten. Robert wandte sich von der Quelle ab und ging langsam zwischen die Bäume. Da begann hinter ihm der Wind zu singen. Zuerst kaum hörbar. Dann heller. Eine glockenklare Stimme, fern und doch nah genug, um das Herz eines alten Mannes für einen Atemzug wieder jung werden zu lassen.
Robert blieb nicht stehen.
Er wusste: Wenn er sich umdrehte, sähe er vielleicht nur Wasser. Stein. Moos. Einen Wald, der schwieg. Also ging er weiter.
Und während seine Schritte im Laub verklangen, stieg aus der Quelle ein Lied, das kein Mensch mehr hören konnte.
Ein Lied von einem Hirten, der einem verlorenen Schaf gefolgt war und eine Welt gefunden hatte.
Von einer Elfe, die ihn liebte und ihn gerade deshalb fortschickte.
Von einem Namen, den man niemals aussprechen durfte.
Und tief unter dem Wasser, dort, wo die Feuerkugel im Dunkel glomm, regte sich etwas.
Nicht der Schattenherr.
Kein Tor.
Nur ein Riss.
Klein wie ein Atemzug und hell wie die Hoffnung.