Düstere Fantasy-Kurzgeschichte Diener der Festung

 

 

 

 

 

Diener der Festung

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Schmerz kam vor der Erinnerung. Er saß hinter Elandurs Augen, heiß und splitternd, als hätte ihm jemand einen glühenden Nagel durch den Schädel getrieben. Erst danach spürte er den Stein unter seiner Wange und die Nässe in seiner Kleidung. Den Geschmack von Blut auf der Zunge.
Er lag auf dem Boden. Mehr wusste er nicht.
Die Luft war kalt - aber nicht rein. Sie roch nach nassem Stein, fauligem Stroh und nach Menschen, die hier unten aufgehört hatten zu schreien, lange bevor sie starben. Irgendwo tropfte Wasser in gemächlichem Takt, als zähle jemand die Sekunden bis zu seinem Tod.
Für einen Moment glaubte Elandur hinter diesem Tropfen ein anderes Geräusch zu hören. Ein helles, regelmäßiges Piepen, dünn wie eine Nadel aus Glas.
Dann war es fort.
Er öffnete die Augen.
Fackelschein drang durch dicke Eisenstäbe und warf krumme Schatten über die Wände. Eine Zelle. Niedrig und kaum größer als eine Grabkammer. Am Boden lagen Knochen, die vielleicht von Ratten stammten. Vielleicht auch nicht.
Er wusste nicht, wer er war. Aber ein erster Name kam zurück. Osmalgard.
Der Zweite, der augenblicklich folgte, schnitt tiefer. Delron.
Jäh aufflackernde Erinnerungseindrücke drohten ihn zu übermannen. Da war ein Hinterhalt gewesen. Eine Brücke. Die borstigen Köpfe der Wachen. Der harte Schlag gegen seinen Schädel. Und Hände, die ihn hierhergeschleift hatten, als wäre er Beute. Ein anderer Mann hätte jetzt gebetet. Elandur lächelte, weil er sich wieder erinnerte.
Sie hatten ihn nicht in die Festung gebracht. Sie hatten ihm die Tür geöffnet.
Osmalgard.
Seit Wochen hatte er nach diesem Namen gesucht: in den Erzählungen Verstümmelter, im Fiebergestammel Sterbender und in den brüchigen Liedern alter Frauen, die ihn nur flüsterten, als könne der Klang allein etwas wecken. Eine Festung am äußersten Rand der Welt, so alt, dass selbst die Berge um sie herum wie junge, rohe Steine wirkten. Hinter ihr gab es kein Land mehr. Keine Wälder, keine Meere und auch keine Sterne. Nur einen Abgrund aus grauem Nichts, in dem jeder Wind verstummte.
Und über allem hing der Mond.
Er zog nicht seine Bahn. Er wuchs nicht. Er schwand nicht. Seit Jahren stand er an derselben Stelle, groß und bleich hinter den Türmen. Ein kaltes Auge am Himmel, als habe ihn eine unsichtbare Hand dort festgenagelt. Die Menschen sagten, Delron habe ihn gebannt, damit selbst die Nacht nicht mehr ohne seine Erlaubnis vergehen durfte.
Niemand, den Elandur befragt hatte, hatte den Tyrannen je gesehen. Manche nannten ihn einen alten Zauberer. Andere einen toten König, der vergessen hatte, zu verwesen.
Ein Gefangener, dem man beide Hände genommen hatte, hatte nur geflüstert: »Es ist nicht sein Blick, den du fürchten musst. Es ist die Stimme.« Danach hatte er gelacht, bis Blut über sein Kinn gelaufen war. Elandur hatte damals nicht gelacht.
Er ächzte und richtete sich auf. Sein Körper antwortete mit Schmerz. Alles brannte. Sein Hemd hing in zerrissenen Streifen an ihm, feucht von Blut und kalter Kerkerluft. Er riss es sich vom Leib und warf es in eine Ecke. Das Fackellicht legte seine Narben frei. Keine davon war älter als ein Jahr.
Sie liefen über Brust und Arme. Helle Striemen, dunkle Wülste, die nicht wirklich verheilt waren. Stumme Zeugen eines Lebens, das an einem einzigen Morgen aufgehört hatte, seines zu sein. Manchmal genügte eine falsche Bewegung, ein Geruch von Rauch, das Knacken eines Balkens im Feuer, und er war wieder dort: im Tal der Ulmen. Vor den schwarzen Resten seines Hauses, im Aschestaub bis zu den Knöcheln, während der Himmel über ihm still blieb, als habe er nichts gesehen.
Seine Frau war nur noch in bruchstückhaften Erinnerungen bei ihm. Ihr Haar im Wind. Eine Hand auf seiner Schulter. Sein Name aus ihrem Mund, warm und nah, bevor alles Schreien wurde.
Bei seiner Tochter blieb weniger.
Eine kleine Hand im grauen Staub, halb geschlossen, als hätte sie bis zuletzt nach ihm gesucht. Er suchte ihren Namen und fand ihn. Noch. Elandur atmete langsam aus. Solange er sich erinnerte, waren sie nicht ganz fort. Bis er Delron fand, hatte ihr Tod ein Ziel. Und solange sein Hass brannte, gehörte ihm noch etwas, das die Festung ihm nicht nehmen konnte.
Früher hatte das Feuer seinen Namen gekannt. Es war nicht bloß Hitze gewesen, sondern etwas Vertrautes, das in seiner Nähe leiser brannte. Wasser war ihm über die Finger gelaufen wie ein zahmes Tier. Der Wind hatte ihm geantwortet, wenn er als Kind durch das Tal der Ulmen gerufen hatte, erst spielerisch, dann ernst, als erkenne er die Stimme eines eigenen Blutes.
Sein Volk hatte die Elemente nie besessen. Es hatte ihnen nichts befohlen. Man nahm nicht vom Feuer, ohne es zu nähren. Man trank nicht vom Wasser, ohne ihm ein Wort zurückzugeben. Man lauschte dem Wind, bevor man sprach.
Am Morgen des Überfalls hatte nichts davon genügt.
Delrons Eberlinge waren im Nebel gekommen, während die Kinder noch schliefen und die Ältesten die ersten Feuer riefen. Einst, so hieß es, waren sie ein freies Volk gewesen. Wild und stolz, dem Wald und Land verpflichtet. Delron hatte ihnen den Willen genommen und Gehorsam hineingegossen. Nun gingen sie auf zwei Beinen, trugen verrostete Harnische und hatten die borstigen Köpfe von Ebern. Doch das Schlimmste waren ihre Augen.
Darin lag kein Tier, nichts Menschliches, nicht einmal Hass. Nur Befehl.
Elandur war der Einzige, der überlebt hatte. Vielleicht, weil die Welt grausam genug war, einen Zeugen übrig zu lassen. Er trat zur Tür seiner Zelle. Dahinter lag der Kerkerkorridor, leer und dunkel, als hätte Osmalgard den Atem angehalten.
Elandur hob die Hand.
Tief in seinem Körper regte sich die alte Kraft. Sie kam wie Wärme unter Asche. Ein Flüstern aus Stein. Ein Hauch in der Luft, der seinen Namen erkannte.
»Öffne dich«, sagte er und das Schloss stöhnte leise. Mit einem langen, klagenden Knarren schwang die Tür auf. Elandur trat hinaus.
Die Fackeln an den Wänden brannten niedrig. Er sah sie an, und die Flammen duckten sich, als wüssten auch sie, dass er heute nicht gekommen war, um Licht zu bringen. Ein Gedanke genügte und eine nach der anderen erlosch. Dunkelheit breitete sich aus. Delron und seine Diener hatten keine Ahnung, wen sie in ihre Festung gelassen hatten.
Osmalgard war größer, als sie von außen gewirkt hatte, und von außen hatte sie bereits unmöglich gewirkt. Ihre Gänge liefen nicht gerade. Sie krümmten sich wie Gedanken eines kranken Geistes, stiegen an, fielen ab, endeten vor Mauern und öffneten sich plötzlich zu Treppen, die dort nicht hätten sein dürfen. Mehrmals glaubte Elandur, Schritte hinter sich zu hören. Mehr als einmal fand er im Staub Abdrücke, die wie seine eigenen aussahen, nur älter.
Die Festung prüfte ihn. Er spürte es mit jedem Schritt.
Nicht Stein und Eisen wollten ihn aufhalten, sondern Erinnerung. Ein Korridor roch plötzlich nach verbranntem Ulmenholz. Hinter einer Tür hörte er für einen Atemzug das Lachen eines Kindes. Als er herumfuhr, war dort nur eine kahle Wand, nass von schwarzem Wasser. Mühsam zwang er sich weiter und wich Patrouillen aus.
Die Eberlinge zogen schweigend durch die Korridore. Kein Spott. Kein Grölen oder Fluchen. Nur das schwere Schaben ihrer Stiefel. Das Knirschen alter Riemen und das leise Pfeifen ihrer Atemzüge durch feuchte Hauer. Sie waren keine Wächter. Sie waren Werkzeuge.
Einmal kam ihm ein Trupp so nahe, dass er den ranzigen Geruch ihres Fells wahrnahm. Er presste sich tief in eine Nische, legte zwei Finger an den Stein und bat die Erde, ihn zu verbergen. Die Wand wurde kalt und nahm seine Kontur für einen Moment in sich auf.
Die Eberlinge gingen vorbei. Doch nach einigen Schritten blieb einer stehen und wandte langsam den Kopf. Elandur sah das Auge des Wesens, klein, schwarz, leer.
Dann setzte es sich wieder in Bewegung.
Als die Schritte verklangen, löste Elandur sich aus dem Stein. Seine Hand zitterte. Nicht vor Angst, sondern vor Zorn. Doch der Zorn fühlte sich nicht mehr heiß an. Er war etwas Kaltes geworden, etwas Geduldiges. Eine Klinge im Wasser.
Je höher er stieg, desto stiller wurde die Festung. Die Luft verlor den Gestank des Kerkers und nahm einen anderen Geruch an: verbrannten Lorbeer, kalten Rauch, Rosen, die zu lange in dunklem Wasser gestanden hatten.
Schließlich fand er den Thronsaal. Die Türen standen offen. Das allein hätte ihn warnen müssen. Und dennoch trat Elandur ein.
Der Saal war gewaltig. Säulen ragten auf wie versteinerte Baumstämme, schwarz und glatt. Zwischen ihnen hingen Banner, deren Zeichen er nicht kannte. Der Boden bestand aus dunklem Stein, so poliert, dass sich der Mond darin spiegelte. Hoch oben klafften Fenster zum Abgrund. Dahinter stand die bleiche Scheibe am Himmel, unbeweglich, unendlich müde.
Am Ende des Saales erhob sich ein Thron aus Stein.
Er war leer.
Elandur blieb stehen. Seine Finger schlossen sich langsam zur Faust.
»Delron.«
Seine Stimme wurde von den Wänden aufgenommen. Weitergetragen und zerrieben. Delron. Delron. Delron.
Dann kam der Wind.
Er fuhr nicht durch Fenster oder Türen. Er entstand einfach mitten im Saal, scharf, kreisend und ohne Ursprung. Er riss an Elandurs Haar, fuhr kalt über seine Narben und trieb Staub in seine Augen. Ein gewöhnlicher Mensch wäre unter diesem Stoß zu Boden gegangen.
Elandur hob nur den Kopf. Die Luft war ihm am längsten vertraut. Er streckte die Hand aus, nicht befehlend, eher erinnernd, und der Sturm verlor seinen Zorn. Das Heulen brach ab, die Kälte wich, und was eben noch durch den Saal gepeitscht war, zerfiel zu einem lauen Lüftchen, das schuldbewusst um seine Finger spielte.
»Mehr hast du nicht?«, fragte er. Aus der Dunkelheit über dem Thron kam ein leises Lachen. Und es war nicht männlich. Elandur erstarrte.
Die Schatten hinter dem Thron bewegten sich. Zuerst dachte er, sie würden dichter, doch dann begriff er, dass sie sich lösten. Schicht um Schicht. Eine Gestalt trat hervor. Es war nicht Delron, wie die Legenden ihn gemalt hatten. Es war keine gekrümmte Gestalt. Kein alter Mann mit leeren Augen. Kein König der Fäulnis.
Es war eine Frau.
Sie war nicht schön. Das wäre leichter gewesen. Schönheit hätte man hassen können. Sie aber sah aus wie lieblicher Trost, bevor man begriff, dass Trost auch eine Falle sein konnte.
Ihr Haar fiel in dunklen Locken über ihre Schultern, schwärzer als die Räume zwischen den Sternen. Ihre Haut schimmerte im Mondlicht blass, nicht krank, sondern kostbar, als sei sie aus etwas geformt, das nie Sonne berührt hatte. Sie trug kein Prunkgewand, keine Krone und auch keine Waffe. Nur ein schlichtes Kleid, dunkel wie Wasser bei Nacht.
Und Augen, in denen Trauer lag. Das traf ihn am stärksten. Es war nicht ihre Schönheit. Nicht die Macht, die lautlos um sie vibrierte. Es war diese Trauer. Ebenso tief, wie alt und unermesslich. Als habe sie alles verloren und dennoch weiterleben müssen. Als sei die ganze Welt grausam zu ihr gewesen und habe sie danach allein gelassen.
Ein Teil von ihm schrie.
Tief unten, dort, wo sein Wille noch nicht ganz gebrochen war, wusste er, dass manche Stimmen nur deshalb sanft klangen, weil sie längst wussten, dass man ihnen gehörte.
»Elandur«, sagte sie. Sein Name aus ihrem Mund war wie eine Berührung und ließ ihn einen Schritt zurückweichen. Zumindest wollte er es. Sein Körper gehorchte ihm nicht ganz. Die Festung schien mit einem Mal weiter entfernt, der Saal größer, der Tod seiner Familie sonderbar dumpf, als läge er hinter dickem Glas.
»Wer bist du?« Seine Stimme klang rau.
Sie lächelte beinahe schüchtern. »Ich habe viele Namen getragen. Die meisten wurden mir von Feinden gegeben. Delron war einer davon.«
»Lüge«, stieß er mühsam hervor.
»Nein«, sagte sie sanft. »Nur ein Missverständnis, das lange genug wiederholt wurde, bis es wie Wahrheit klang.«
Sie kam die Stufen des Thrones hinab. Langsam und nicht wie jemand, der angreifen musste. Wie jemand, der längst gewonnen hatte und dem Besiegten die Würde des Begreifens gönnte.
Elandur rief das Feuer und ... nichts geschah.
Er rief den Wind, doch der Wind antwortete nicht, sondern blieb ungewohnt stumm.
Er rief die Erde unter seinen Füßen, aber der Stein blieb stumm. Zum ersten Mal seit seiner Kindheit war die Welt um ihn herum nur Welt. Kalt. Fremd und verschlossen.
Die Frau sah ihn mitleidig an.
»Hier drin«, sagte sie, »hören die Elemente zuerst auf mich.«
Angst kroch in Elandur hoch. Er wollte sie mit Hass ersticken, doch auch der Hass wurde leiser. Seine Tochter im Aschestaub. Das verbrannte Tal. Die Schreie. Alles war noch da, aber es verlor die Schärfe, als breite jemand Samt darüber.
»Du hast mein Volk ermordet«, sagte er.
Sie senkte den Blick. »Ich habe eine Welt geordnet, die sich selbst zerfleischt hätte.«
»Du hast Kinder töten lassen«, warf er ihr entgegen.
»Ich habe Opfer gebracht.« Ihre Stimme blieb sanft, und gerade das machte sie unerträglich. »Freiheit ist nur der Name, den die Schwachen ihrem Chaos geben. Jeder will, jeder nimmt und jeder verletzt. Ich beende das. Ich gebe den Menschen eine Richtung. Ich mache aus Schmerz Gehorsam. Aus Krieg erschaffe ich Ordnung.«
Für einen Herzschlag sah Elandur sie, wie sie war.
Nicht traurig. Nicht zerbrechlich. Nicht missverstanden. Hungrig.
Dann hob sie den Blick, und die Erkenntnis glitt ihm wieder aus den Fingern.
»Komm zu mir«, sagte sie.
Er wollte nein sagen, doch sein Mund blieb geschlossen.
»Ich habe lange auf dich gewartet.«
Jedes Wort legte sich an eine Wunde in ihm. Ihre Stimme fand die leeren Stellen, die der Verlust gerissen hatte, und füllte sie mit sich selbst. Wo der Name seiner Frau gewesen war, entstand Wärme. Wo die kleine Hand seiner Tochter brannte, legte sich ein süßer, schwerer Nebel.
Elandur zitterte, als würde er körperliche Qualen leiden. Benommen presste er die Zähne aufeinander und suchte tief in sich nach dem Namen seiner Tochter. Er fand den Anfang. Einen Laut. Ein helles, kleines Etwas.
Die Frau legte den Kopf schief und der Laut zerfiel in seinem Mund wie Asche.
»Nein«, flüsterte er und jetzt erst lächelte sie wirklich. Rasch biss sich Elandur auf die Zunge. Der Schmerz kam scharf. Blut füllte seinen Mund, metallisch und heiß. Für einen Augenblick war alles wieder da. Das Tal. Der Rauch. Seine Frau und seine Tochter. Ihr Name.
Er holte Luft, um ihn zu schreien. In diesem Moment berührte Delron seine Wange.
»Armer Elandur.«
Der Schmerz verwandelte sich in Sehnsucht. Er kippte plötzlich um, wurde hell und süß. Er wurde zu dem Bedürfnis, sich an sie zu lehnen und nie wieder allein zu sein.
»Wie heißt du wirklich?«, flüsterte er, obwohl er es nicht fragen wollte.
Sie war nun dicht vor ihm. So nah, dass er den Duft ihres Haares wahrnahm.
»Anastasia.«
Der Name sank in ihn hinein. Nicht in sein Gedächtnis, sondern viel tiefer. Er brannte sich dorthin, wo früher Treue gewesen war. Wo Schuld, Liebe und Schmerz gewohnt hatten. Alles, was Elandur zusammengehalten hatte, rückte zur Seite, machte Platz, verneigte sich.
Anastasia tötete nicht, was ein Mensch liebte. Sie legte ihre eigene Gestalt darüber, bis jede Erinnerung nach ihr schmeckte. Elandur sah noch einmal das Tal der Ulmen. Rauch über den Dächern. Die kleine Hand im Staub. Dann war die Hand nicht mehr die seiner Tochter. Sie gehörte niemandem. Die Erinnerung wurde zu einem Bild ohne Bedeutung.
Hilflos stöhnte er auf. »Nein.«
Anastasia hob die Hand und berührte seine Wange. Ihre Finger waren kühl.
»Doch«, sagte sie und küsste ihn.
Die Welt erlosch nicht sofort. Das wäre gnädig gewesen. Erst wurde sie schön. Unerträglich schön. Der Schmerz in seinem Kopf verwandelte sich in Licht. Die Narben auf seiner Haut wurden zu Zeichen einer langen Reise, die ihn nur zu ihr geführt hatte. Seine Rache wurde kindisch. Sein Hass ein Missverständnis. Seine Einsamkeit endete in dem Augenblick, in dem ihre Lippen auf seinen lagen. Er wusste noch, dass er Widerstand leisten musste. Er wusste es, wie man in einem Traum weiß, dass man fällt.
Dann löste sie sich von ihm und Elandur sank auf ein Knie. Nicht, weil sie ihn dazu zwang, sondern weil ihm Stehen plötzlich wie eine Anmaßung erschien. Anastasia betrachtete ihn, und ihr Lächeln veränderte sich. Die Zaghaftigkeit fiel davon ab wie eine Maske, die nicht mehr gebraucht wurde. Darunter lag Kälte. Geduld und eine verdrehte Form von Freude.
»Mein Geliebter«, sagte sie.
Bei diesen Worten hob er den Kopf. Geliebter. Das Wort erfüllte ihn mit Glück, so hell und leer, dass es kaum von Schmerz zu unterscheiden war.
»Gräme dich nicht mit dunklen Gedanken«, sagte Anastasia. »Du bist endlich angekommen. Alles, was vorher war, war nur der Weg zu mir.«
Ein Rest von Zweifel regte sich. Vorher? Was war vorher gewesen?
Ein Haus. Feuer. Ein Name, den er nicht mehr greifen konnte. Ein Kind vielleicht. Oder nur ein Traum, den sein verwundeter Geist erfunden hatte, um die lange Suche zu ertragen.
Anastasia neigte den Kopf und der Zweifel starb.
»Auf, mein Geliebter«, sagte sie und wandte sich zu ihrem Thron zurück. »Es gibt viel zu tun. Die Welt unterwirft sich nicht von allein.«
Elandur erhob sich. Er wollte sie noch einmal berühren, doch sie ließ es nicht zu. Nur ein Blick über die Schulter, kühl genug, um sein Verlangen in Gehorsam zu verwandeln. Etwas in ihm wurde endgültig geschlossen. Sein Herz konnte nicht mehr lieben. Es konnte nur noch dienen.
Als er den Thronsaal verließ, standen die Eberlinge in den Gängen aufgereiht. Reihe um Reihe. Die dunklen Hauer gesenkt und die Waffen bereit. Einst hätte ihr Anblick Abscheu in ihm geweckt. Jetzt verstand er ihre Augen. Sie waren nicht leer, wie er immer angenommen hatte. Sondern befreit. Für sie gab es keinen Zweifel. Keine Schuld und auch keinen Schmerz. Nur eine Richtung, in die sie zu gehen hatten.
Langsam wichen sie vor ihm zurück. Nicht aus Angst. Aus Anerkennung.
Draußen vor Osmalgard stand der Mond noch immer an derselben Stelle. Unter ihm führte die alte Steinbrücke in die Welt zurück. Elandur blieb darauf stehen und sah hinab in den Abgrund. Er hätte springen können. Ein ferner Teil von ihm, so winzig wie ein Funke unter nasser Erde, begriff das. Spring.
Er lächelte. Dann ging er weiter.
Die ersten Dörfer fielen noch vor dem, was die Menschen dort draußen Tagesanbruch nannten, obwohl es in dieser Welt keinen wirklichen Morgen gab. Sie öffneten ihre Türen, als sie die Hörner hörten, und sahen Eberlinge aus dem Nebel treten. Manche griffen zu Waffen. Manche rannten. Andere knieten sofort.
Elandur tötete sie nicht aus Zorn. Das war vorbei. Er tötete sie, wenn es notwendig war, und ließ sie leben, wenn Gehorsam nützlicher schien. Er vergiftete Brunnen, rief Feuer, ließ Erde über Fliehenden zusammenbrechen und bat den Wind, Schreie fortzutragen, damit sie die nächsten Orte nicht warnten.
Die Elemente gehorchten ihm wieder. Nicht, weil sie ihn noch liebten, sondern weil Anastasia in ihm war.
Bald standen ganze Landstriche unter dem Zeichen Osmalgards. Überall, wo er hinkam, erzählten die Überlebenden von einem narbenbedeckten Mann mit leeren Augen, der nicht schrie, nicht lachte und nicht verhandelte. Einem Mann, der Städte niederwarf und danach in die Flammen sah, als suche er dort etwas, das er vergessen hatte. Man nannte ihn den Diener der Festung.
Elandur hörte den Namen und empfand nichts.
Er stand am Rand eines Schlachtfeldes, während seine Eberlinge das letzte Aufgebot eines kleinen Königreichs zerschlugen. Der Boden war schwarz von Blut. Fahnen brannten und Pferde wieherten in wilder Panik. In der Ferne stürzte ein Turm ein, langsam und beinahe würdevoll. Er beobachtete alles mit ruhiger Aufmerksamkeit. Bald würde die ganze Welt geordnet sein.
Bald würde Anastasia zufrieden sein.
Bald würde er zu ihr zurückkehren dürfen.
Da hörte er es wieder. Jenes sonderbare Geräusch, das er schon einmal vernommen hatte. Dünn. Hart. Unpassend. Als schlage irgendwo ein kleines Herz aus Metall.
Elandur runzelte verwundert die Stirn.
Das Geräusch gehörte zu keinem Horn, keiner Waffe und erst recht keinem sterbenden Tier. Und doch schnitt es durch Schlachtlärm, Wind und Feuer, als käme es aus einer anderen Wirklichkeit.
Tut-tut. Tut-tut. Tut-tut.
Die Welt begann zu verblassen. Er sah seine Hand vor sich. Die Narben wurden durchsichtig. Die Eberlinge um ihn herum verloren ihre Umrisse. Das Schlachtfeld löste sich in grauen Nebel auf. Elandur griff nach seiner Macht, nach Erde, Feuer, Wind. Doch nichts blieb. Nur ein Name.
Anastasia.
Er stürzte. Nicht nach unten, sondern aus sich selbst heraus ...

... erschrocken und schweißgebadet riss Ben die Augen auf. Das Piepen seines Weckers füllte das Schlafzimmer. Er fuhr herum, schlug mit der Hand auf das Gerät und traf erst beim zweiten Versuch die richtige Taste. Stille.
Für ein paar Sekunden lag er da und starrte an die Zimmerdecke. Sein Herz raste.
Ein Traum, dachte er. Nur ein Traum.
Er lachte leise, aber das Lachen klang falsch in dem halbdunklen Zimmer. Draußen war früher Morgen. Durch den Spalt der Vorhänge fiel ein blasser Streifen Licht auf den Boden. Irgendwo im Haus sprang die Heizung an. Auf dem Stuhl neben dem Bett lag sein Hemd vom Vortag, ordentlich gefaltet, wie immer. Auf dem Nachttisch stand ein Glas Wasser, daneben der Roman, in dem er seit Wochen nicht weiterkam.
Das war sein Leben. Klein. Sauber. Sicher. Doch plötzlich wirkte es wie eine Lüge.
Ben setzte sich auf.
Der Traum zerfiel bereits. Wie Träume das taten. Eine Festung vielleicht. Ein dunkler Saal. Schlamm. Ein Schlachtfeld? Er versuchte, die Bilder festzuhalten, doch sie glitten weg, als wären sie nie für den Tag bestimmt gewesen.
Nur der Name blieb.
Anastasia.
Ben wagte es nicht, ihn zu flüstern. Trotzdem schien der Raum ihn zu hören. Kälte kroch über seine Schulter. Er zog die Decke beiseite und sah an sich hinab. Unterhalb seines Schlüsselbeins, wo gestern Abend noch nichts gewesen war, zog sich eine frische dunkle Narbe über seine Haut. Lang, schmal, leicht gekrümmt. Genau dort, wo er in einem der Gefechte verletzt worden war.
Ben hörte auf zu atmen.
Der Wecker war aus. Trotzdem begann er wieder zu piepen. Nicht laut oder regelmäßig. Eher wie ein schwaches Signal aus weiter Ferne.
Tut-tut. Tut-tut. Tut-tut.
Auf dem schwarzen Display erschien kein Datum, keine Uhrzeit. Nur ein Wort.
Anastasia.
Ben wollte aufstehen. Er wollte das Gerät aus der Steckdose reißen, das Licht einschalten, irgendjemanden anrufen. Stattdessen blieb er sitzen und starrte auf den Namen, während sich in seiner Brust ein Gefühl ausbreitete, das nicht Angst war.
Es war Sehnsucht.
Aus dem Lautsprecher des ausgeschalteten Weckers kam eine Frauenstimme, weich wie Mondlicht auf schwarzem Stein.
»Auf, mein Geliebter«, flüsterte sie. »Die Welt unterwirft sich nicht von allein.«
Ben schloss die Augen.
Als er sie wieder öffnete, lächelte etwas in ihm, das lange auf diesen Morgen gewartet hatte.