Die Invasoren

 

 

 

 

 

 

 

Bron
Bron wusste nicht, wann die Stille angefangen hatte, wehzutun. Vielleicht in dem Moment, als er begriff, dass er zu den letzten Resten einer Spezies gehörte, die noch immer Befehle brüllte, obwohl ihr Reich längst brannte.
Er lag auf dem Rücken und starrte an die Decke seiner Baracke. Das kalte Licht der Notstreifen fraß jede Farbe aus ihr heraus, bis nur noch ein stumpfes Grau blieb, wie Asche nach einem langen Regen. Über ihm summte die Belüftung, trocken und gleichgültig. Irgendwo in der Wand arbeitete ein Generator mit jenem tiefen, müden Grollen, das nie ganz verstummte und den Schlaf in kleine, nutzlose Stücke schnitt.
Draußen hasteten Schritte über Metall. Stimmen riefen Befehle. Eine Tür schlug zu. Das Lager lebte, als könne es durch Lärm vergessen, dass es im Grunde bereits tot war.
Bron war es gewohnt, allein zu sein. Das redete er sich zumindest ein.
Ein Aufklärer gewöhnte sich an fremde Himmel, an fremde Sprachen, an Lager, die über Nacht entstanden und am nächsten Morgen schon nach Besatzung rochen. Er gewöhnte sich an das Misstrauen in den Augen jener Völker, die man angeblich kennenlernen wollte, bevor man ihnen erklärte, weshalb ihr Land, ihr Wasser, ihr Erz und ihre Zukunft nun nicht mehr ihnen gehörten.
Aber heute war die Einsamkeit anders. Nicht leer, sondern schwer.
Vielleicht lag es an Asnadun.
Draußen, jenseits der sterilen Wände, atmete ein ganzer Planet. Ein Dschungel, so alt und dicht, dass selbst die Scanner Mühe hatten, durch sein Blätterdach zu greifen. Ein Meer aus Grün, Nebel, Regen und fremden Stimmen. Und mitten hineingeschlagen: das Basislager der Menschen. Das letzte Basislager.
Der Gedanke war so groß, dass er beinahe lächerlich wirkte. Vor langer Zeit war seine Spezies ausgezogen, um die Sterne zu erobern. Sie hatte es geschafft.
Sie hatte Kolonien gegründet, Handelsrouten errichtet und Monde ausgehöhlt. In den offiziellen Berichten hieß es, man habe fremde Völker befriedet; wer lange genug diente, wusste jedoch, dass es Unterwerfung war. Dann war etwas geschehen.
Niemand kannte die Wahrheit. Mitten in der Flotte hatten mehrere Kriegsschiffe das Feuer eröffnet. Andere hatten zurückgeschossen. Aus Formation war Panik geworden und aus Panik schließlich Vernichtung. Bron erinnerte sich noch an das lautlose Aufblühen der Schlacht auf den Monitoren. An das Zerreißen der Schilde. An die Schreie in der Kommandozentrale.
Sein Schiff war entkommen. Vielleicht auch andere. Vielleicht nicht.
Sicher war nur: Die Herrschaft der Menschheit war vorbei. Was hier auf Asnadun stand, war kein Vorposten mehr. Es war ein Überbleibsel. Ein letzter, verzweifelter Griff nach Rohstoffen, Energie, Nahrung und einer Zukunft.
Bron schloss die Augen. Doch selbst in der Dunkelheit sah er wieder die Gefangenen. Ihre ausgemergelten Körper in den Schwebefeldern. Die hängenden Köpfe. Die aufgerissenen Lippen. Die stille Frage in ihren Gesichtern, warum ein Volk, das zwischen den Sternen reisen konnte, immer noch nicht gelernt hatte, die Hand auszustrecken, ohne sie zur Faust zu schließen. Ohne immer nur zu nehmen.
Und dahinter, wie ein Bild, das nie verblasste: Nym-4.
Dort hatte Bron verhandelt, bis die Kinder aus den Höhlen kamen. Er hatte ihre Eltern beruhigt, hatte die Hände gehoben, hatte in ihrer Sprache von Schutz gesprochen, von Zusammenarbeit, von Zukunft. Danach waren die Soldaten gelandet. Seitdem wusste Bron, dass Worte manchmal gefährlicher waren als Waffen.
Und tiefer schnitten.


Mirinda
Mirinda bewegte sich geduckt durch das Dickicht. Der Dschungel Asnaduns nahm sie auf, wie er alle aufnahm, die wussten, wie man ihn um Erlaubnis bat. Blätter strichen über ihre Schultern. Feuchte Ranken glitten an ihren Armen entlang. Unter ihren nackten Sohlen gab der Boden lautlos nach, weich von Moos, Wurzeln und altem Laub. Überall tropfte Wasser. Es fiel von Blatt zu Blatt, von Farn zu Farn, bis es klang, als flüstere der Wald mit tausend kleinen Mündern.
Dann endete das Grün.
Vor ihr lag die Wunde.
Die Menschen hatten eine Bresche in den Dschungel geschlagen. So breit und brutal, dass Mirinda im ersten Moment den Atem verlor. Bäume, die älter gewesen waren als die ältesten Lieder ihres Volkes, lagen gefällt und entastet am Rand der Lichtung. Ihre Stämme waren aufgerissen. Der Boden war verbrannt und vergiftet. Darauf erhoben sich die Gebäude der Menschen: kantige Baracken aus Metall, Antennen und flimmernde Energiegitter. Dazwischen standen Maschinen mit kalten Flanken und leuchtenden Augen.
Warum zerstörten sie, bevor sie verstanden? Asnadun war nicht wehrlos. Nur grausam war dieser Planet nie gewesen. Nicht, bevor die Eroberer kamen.
Sie waren vom Himmel gefallen, mit Feuer unter den Schiffen und Freundlichkeit in den Stimmen. Sie hatten Kundschafter geschickt, Geschenke verteilt, Karten gezeichnet und dabei Fragen gestellt. Sie hatten gelächelt. Und während die Völker Asnaduns noch darüber berieten, was diese Fremden wollten, war das Lager immer weiter gewachsen.
Mirinda war die Erste gewesen, die es bewiesen hatte.
Unter der nördlichen Plattform hatten die Menschen Sonden in den Boden getrieben. Tief genug, um die alten Erzadern anzuschneiden. Tief genug, um die Wurzelkammern des Waldes zu verletzen. Sie plünderten nicht nur Stein. Sie griffen in den lebenden Leib des Planeten.
Jeder kannte die traurigen Geschichten über die Erde, den blauen Ursprungsplaneten der Menschen, der unter ihrem eigenen Hunger grau und unbewohnbar geworden war. Aber warum kamen sie jetzt hierher? Warum auf Asnadun, so fern von den Zentren ihres Reiches? Warum in solcher Hast? Etwas musste geschehen sein.
Darum war Mirinda hier. Nicht aus Mut, sagte sie sich. Mut war ein Wort für Lieder. Sie war hier, weil niemand überleben konnte, der einen Feind nicht verstand.

Sie hatte bereits zwei Sensorpfähle markiert.
Winzige Harzzeichen klebten nun an den Metallfüßen der menschlichen Geräte, kaum sichtbar, aber für die Späher ihres Volkes eindeutig. Noch ein Pfahl, dann würden die Ältesten wissen, woher die Schwebefelder gespeist wurden. Dann konnten sie die Gefangenen vielleicht befreien, bevor die Menschen sie fortbrachten.
Am Rand der Lichtung blieb sie im Schatten eines breiten Dornstrauchs liegen.
Dann sah sie die Schwebefelder.
Vier transparente Säulen aus flimmernder Kraft standen nahe der südlichen Barrikade. Darin hingen Gefangene. Einige bewegten sich kaum noch. Ihre Arme schwebten kraftlos, ihre Köpfe waren auf die Brust gesunken. Andere zitterten, wenn die Felder in unregelmäßigen Abständen aufflackerten. Die Menschen hatten ihnen Wasser, Würde und jedes Recht auf einen eigenen Körper genommen.
Mirindas Finger gruben sich in die Erde.
Nicht die Nacktheit war die Demütigung. Für ihr Volk war Haut nichts Schmutziges. Kinder spielten im Regen, Älteste badeten in warmen Quellen, Krieger bemalten ihre Körper vor Festen und Abschieden. Hätten die Menschen auch nur einen Atemzug lang versucht, Asnadun zu verstehen, wüssten sie das.
Aber darum ging es ihnen nicht. Sie wollten erniedrigen. Nicht, weil es wirkte, sondern weil sie es wollten.


Bron
Früher hatte Bron geglaubt, seine Arbeit bedeute etwas. Er war Aufklärer geworden, weil er Sprachen liebte. Weil er in den ersten Akademiejahren noch geglaubt hatte, Begegnung sei das Gegenteil von Krieg. Er hatte gelernt, fremde Gesten zu lesen, Verhandlungen vorzubereiten und Angst zu verringern, bevor Soldaten kamen und alles verdarben.
Dann hatte ihm sein Vorgesetzter auf Nym-4 eine Hypergranate in die Hand gedrückt.
»Nur für den Notfall«, hatte er gesagt. »Falls die Einheimischen nicht kooperieren.«
Bron hatte damals gelacht, weil er auf einen Scherz gehofft hatte. Doch niemand hatte mitgelacht. Seitdem arbeitete der Zweifel in ihm. Zuerst leise. Dann beständig. Und schließlich wie ein Geschwür, das sich in jedes Wort fraß, das er sprach.
Was, wenn er nicht Brücken baute, sondern Türen öffnete? Was, wenn seine Höflichkeit nur der erste Schritt zur Unterwerfung war? Was, wenn er auf der falschen Seite stand, nur weil er auf ihr geboren worden war? Reichte Geburt als Entschuldigung? Oder Gehorsam?
»Bron!«
Die Tür seiner Baracke fuhr zur Seite. Kommandant Varrek stand im Rahmen, breit, glatt rasiert, die Uniform zu sauber für diesen Planeten.
»Bewegung. Die Arbeit macht sich nicht von allein.«
Bron richtete sich langsam auf. Für einen Moment verschwamm der Raum.
»Ich komme.«
»Das will ich hoffen. Die Wilden werden unruhig. Du bist dafür da, ihnen zu erklären, dass Unruhe für sie sehr ungesund ist.«
Varrek verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten, aber Bron blieb noch einen Herzschlag sitzen, bevor er nach seiner Feldjacke griff.
An seinem Gürtel hing die Hypergranate. Kaum größer als eine Faust. Eine Sonne in der Größe eines Steins.
Wenig später trat er hinaus in die feuchte Hitze Asnaduns. Sofort legte sich der Geruch des Dschungels über ihn: süß, schwer, lebendig. Er hätte schön sein können, wenn dahinter nicht das Ozon der Schilde gelegen hätte, der Metallstaub der Bohrer und der saure Gestank menschlicher Angst.
Am Rand der Lichtung sah er die Gefangenen. Bron zwang sich hinzusehen. Ein alter Mann hing in einem der Felder, die Lippen aufgesprungen. Neben ihm ein Jugendlicher mit Schmutz auf der Wange und einem Blick, der nicht mehr flehte, sondern nur noch fort wollte aus seinem Körper. Eine Frau hatte die Augen geschlossen. Ob sie betete oder bewusstlos war, konnte Bron nicht erkennen. Ihm stieg Galle in den Hals.
Das also waren sie geworden.
Sie waren keine glorreichen Eroberer, keine Ordnungsmacht und auch nicht die letzte Hoffnung der Menschheit. Sie waren nur Menschen, die andere Lebewesen in Käfige hängten und es Sicherheit nannten.
Er wollte wegsehen, aber er konnte es nicht. Auf Nym-4 hatte er weggesehen, nachdem die ersten Schüsse gefallen waren. Nicht lange. Nur einen Herzschlag. Doch dieser Herzschlag war ihm geblieben. Er hatte sich in ihm eingenistet, hatte in seinen Schlaf gefunden, in seine Stimme, in jede Verhandlung danach.
Er ging in Richtung Dschungel.
Vielleicht, dachte er, konnte er wenigstens einige retten. Auch wenn das erbärmlich wenig war. Aber vielleicht war erbärmlich wenig alles, was vom Anstand der Menschheit noch übrig blieb.


Mirinda
Mirinda merkte zu spät, dass der Wald hinter ihr nicht mehr nur ihr gehörte. Ein Zweig knackte. Sie erstarrte.
Vor ihr, jenseits des Dornstrauchs, näherte sich der Aufklärer, den sie schon bei den Gesprächen mit den Ältesten gesehen hatte. Ein Mensch. Einer von denen, die mit ruhigen Stimmen Gift in die Versammlungen trugen. Mirinda hatte seine Art studiert: die offenen Hände, die gesenkten Schultern, die geduldigen Pausen. Eine Maske, hatte sie entschieden. Menschen trugen Masken wie andere Schmuck.
Nur passte sein Gesicht nicht dazu.
Er sah müde aus. Nicht nur körperlich, sondern innerlich. Als hätte ihn etwas ausgehöhlt und nur die Gewohnheit aufrecht gelassen. In seinen Augen lag kein Triumph, keine Gier, nicht einmal jene kalte Überzeugung, die sie bei den Offizieren gesehen hatte.
Trauer, dachte Mirinda widerwillig.
Dann schalt sie sich selbst.
Auch Trauer konnte eine Waffe sein.
Sie schob sich rückwärts, langsam, kaum sichtbar. Ihr Blick suchte den dritten Sensorpfahl. Er stand nur wenige Schritte entfernt, halb im Schatten einer Transportstütze. Wenn sie ihn noch markierte, konnte sie sterben und hätte trotzdem etwas erreicht. Sie streckte die Hand aus. Das Harzzeichen klebte an ihren Fingern. Da traten vier Menschenkrieger aus dem Dickicht hinter ihr.
Zu spät roch sie den metallischen Geruch ihrer Rüstungen. Zu spät sah sie das matte Glimmen der Fangspulen. Ein Strahl traf sie zwischen den Schulterblättern und ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr.
Sie fiel nicht. Das Feld hielt sie aufrecht, grausam sanft, als wäre sie ein Gegenstand, den man in der Luft abgestellt hatte. Nur ihre Augen konnte sie bewegen, und selbst das kostete Kraft.
Das Harz löste sich von ihren Fingern und fiel in das feuchte Laub.
So nah, dachte sie. So verflucht nah.
»Na, was haben wir denn da?«, sagte einer der Männer und kam näher. Sein Blick glitt über sie, langsam genug, dass Mirinda verstand.
»Sieht aus wie eine kleine Raubkatze.«
Die anderen lachten.
»Vorsicht«, sagte ein zweiter. »Die faucht bestimmt.«
»Dann bringen wir ihr eben bei, für wen sie schnurrt.«
Mirinda hatte Berichte gehört. Geflüsterte Sätze. Heimkehrer, die nicht mehr in Flüssen badeten, wenn andere in der Nähe waren. Sie hatte nicht glauben wollen, dass ein denkendes Volk so tief sinken konnte. Jetzt sah sie in die Gesichter der Männer und wusste, dass sie nicht tief gesunken waren. Sie hatten dort unten gewohnt.
Einer streckte die Hand nach ihr aus. Da teilte sich hinter ihnen das Dickicht.


Bron
Bron sah die Szene und etwas in ihm riss. Es war das leise Brechen eines letzten Fadens. Er sah die Einheimische im Fangstrahl hängen, doch für einen Augenblick sah er nicht sie. Er sah Nym-4. Die Kinder vor den Höhlen. Die offenen Hände ihrer Mütter. Seine eigenen Worte hallten in ihm nach.
Damals hatte er zu lange gewartet.
»Weg von ihr«, sagte er entschlossen, und die vier Soldaten fuhren herum. Einen Atemzug lang waren sie überrascht. Dann erkannten sie ihn, und aus Überraschung wurde Verachtung.
»Verschwinde, Aufklärer«, sagte der Anführer. »Das hier ist nichts für deine weichen Hände.«
Brons Blick glitt zu Mirinda. Sie hing reglos im Fangstrahl, doch ihre Augen brannten. Nicht flehend, sondern wütend.
Gut, dachte er. Wut war Leben.
»Schaltet das Feld ab.«
Der Soldat grinste.
»Oder was? Willst du mit uns reden?«
Die anderen lachten wieder. Bron zog seine Waffe. Er hatte nicht gewusst, ob er es tun würde, bis sein Finger bereits auf dem Auslöser lag. Der erste Schuss traf den Anführer in die Brust. Der zweite den Mann neben ihm, noch bevor dessen Lachen aus dem Gesicht gefallen war. Der dritte Soldat riss die Waffe hoch und feuerte. Ein gleißender Schmerz fraß sich in Brons Seite. Er taumelte, schoss trotzdem, sah den Mann fallen.
Der vierte war schneller.
Bron sah den Lauf, sah den Finger am Abzug, sah die winzige Bewegung, die über Leben und Tod entschied. Sein Körper handelte, bevor sein Verstand folgen konnte. Er warf sich gegen den Mann, prallte hart gegen seine Rüstung. Er roch den Schweiß, das Metall und Ozon. Der Schuss löste sich aus nächster Nähe.
Dann herrschte Stille. Sie kam so plötzlich, dass sie unwirklich wirkte.
Vier Körper lagen reglos im feuchten Laub, und für einen Atemzug schien selbst der Dschungel zu verstummen. Bron blieb stehen, als hielte ihn nur noch der Wille aufrecht. Dann gaben seine Beine nach. Er sah noch, wie der Fangstrahl erlosch und die Einheimische zu Boden stürzte. Instinktiv fing sie sich auf Händen und Knien ab und sog scharf die Luft ein.
Bron wollte etwas sagen. Eine Entschuldigung vielleicht. Oder nur, dass sie laufen sollte.
Doch als er den Mund öffnete, kam Blut.
Der Schmerz in seiner Seite war nicht mehr heiß, sondern kalt. Er sah an sich hinunter und erkannte die Wunde als das, was sie war. Gefährlich. Vielleicht tödlich, wenn niemand etwas tat.
Er sank auf den Rücken. Über ihm schwankten die Blätter. Zwischen ihnen hing ein Stück Himmel, grünlich vom Licht Asnaduns.
Die Einheimische beugte sich über ihn. Aus der Nähe sah sie nicht fremd aus. Nicht im Sinne der Berichte, der Akten, der Klassifizierungen. Sie war fremd wie ein Lied, dessen Sprache man nicht verstand und dessen Schmerz einen trotzdem traf. Ihre Haut schimmerte warm im Dschungellicht, ihre Augen waren groß, wach und zornig. In diesem Zorn lag mehr Würde als in allen Flaggen der Menschheit.
Bron wollte sich an diesen Blick halten.
Nicht an die Wunde oder an das, was er gewesen war.
Nur an diesen Blick.
Dann wurde die Welt schwarz.


Mirinda
Sie hätte ihn liegen lassen müssen. Jede Vernunft sagte es ihr. Jeder tote Baum auf der Lichtung. Jeder Gefangene in den Schwebefeldern. Jeder Bericht über Menschen und ihre Maschinen.
Sie hätte fliehen müssen.
Stattdessen kniete Mirinda neben dem Mann, der vier Angehörige seines eigenen Volkes getötet hatte, um sie zu retten, und hasste ihn dafür, dass er ihre Gewissheit zerstört hatte.
»Du bist ein Narr«, flüsterte sie, doch er antwortete nicht.
Sein Blut sickerte dunkel in das Laub. Menschenblut sah nicht anders aus als ihr eigenes. Mirinda presste die Hand auf die Wunde und pfiff zweimal.
Der Wald antwortete.
Nicht sofort.
Aber er antwortete.


Bron
Als Bron erwachte, war der Tod nicht verschwunden. Er stand nur wieder etwas weiter entfernt. Bron lag in einer Hütte aus gebogenen Ästen, gewebten Fasern und lebenden Blättern. Warmes, grünes Licht fiel durch die Wände. Irgendwo tropfte Wasser in eine Schale. Die Luft roch nach Erde, Harz und bitteren Kräutern. Unter ihm lag ein Bett aus weichen Blättern, die sich seinem Körper anpassten, als atmeten sie mit ihm.
Seine Seite pochte. Aber der Schmerz hatte Ränder bekommen. Er war nicht mehr die ganze Welt. Über der Wunde lag ein Verband aus breiten, dunklen Blättern. Zwischen ihnen glänzte Harz, bernsteinfarben und zäh. Es brannte leicht auf seiner Haut, aber in diesem Brennen lag etwas Seltsames. Eine Erinnerung daran, dass sein Körper noch nicht aufgegeben hatte.
Neben ihm saß die Einheimische. Sie hatte die Knie angezogen, die Arme darumgelegt und beobachtete ihn mit einer Wachsamkeit, die keinen Dank kannte und keine Vergebung versprach.
»Du bist ein seltsamer Mensch«, sagte sie. Ihre Stimme war leiser, als er erwartet hatte. Melodisch, aber nicht weich. Wie Wasser über Stein. Bron schluckte. Sein Mund war trocken.
»Das ist ein seltsames Kompliment.«
»Es ist keines.«
Er wollte lächeln, doch sein Körper entschied sich dagegen.
»Warum?«, fragte sie. Er wusste, was sie meinte. Warum hatte er geschossen? Warum hatte er sein Leben weggeworfen? Warum hatte er ihr geholfen, obwohl sein Volk ihres gefangen hielt?
Bron sah zur Decke aus Blättern. In ihren Adern wanderte Licht. Früher hätte er eine Antwort gesucht, die gut klang. Heute hatte er keine Kraft mehr für schöne Lügen.
»Weil ich schon einmal zu lange gewartet habe.«
Mirinda schwieg.
»Auf Nym-4«, sagte er. »Ich habe mit ihnen gesprochen. Mit einem anderen Volk. Ich habe sie überzeugt, aus den Höhlen zu kommen, in denen sie sich versteckten. Ich sagte, niemand würde ihnen etwas tun.«
Seine Stimme wurde rau.
»Dann kamen die Soldaten.«
Mirinda bewegte sich nicht. Doch etwas in ihrem Gesicht wurde härter.
»Wie viele?«
Bron schloss die Augen. Er sah kleine Füße im Staub. Eine rote Stoffpuppe. Die Hand eines Kindes, die sich tapfer an seiner Uniform festhielt, weil es ihm geglaubt hatte.
»Genug, dass ich die Zahl nie wissen wollte.«
Lange sagte niemand etwas. Draußen rauschte der Regen durch die Blätter. Irgendwo rief ein Tier, tief und klagend.
»Dann hast du mich nicht gerettet«, sagte Mirinda schließlich. »Du hast gegen eine Erinnerung gekämpft.«
Bron öffnete die Augen. Der Satz traf ihn hart, weil er wahr war.
»Vielleicht«, sagte er. »Am Anfang.«
»Und jetzt?«
Er sah sie an. Er hätte sagen können, dass er ihr dankbar war und dass er sein Volk dafür hasste, was es anderen antat.
»Jetzt weiß ich deinen Namen noch nicht.«
Das schien sie zu überraschen. Nur kurz, aber er sah es.
»Mirinda«, antwortete sie.
»Bron«, stellte er sich vor.
»Ich weiß.«
»Natürlich«, murmelte er. »Aufklärer sind schlecht darin, unbekannt zu bleiben.«
Ein flüchtiger Schatten ging über ihr Gesicht. Beinahe ein Lächeln. Dann stand sie auf, ging zur Öffnung der Hütte und sah hinaus. Grünes Licht legte sich über ihre Schultern.
»Warum seid ihr hier, Bron?«
Er hätte lügen können. Noch immer. Aus Gewohnheit. Aus Treue zu etwas, das seine Treue nicht verdient hatte. Doch in dieser Hütte, zwischen Harzgeruch und Regen, fühlte sich jede Lüge an wie Verrat an seinem eigenen Atem.
»Weil wir verloren haben«, sagte er. »Unsere Flotte ist zerstört. Vielleicht unser ganzes Reich. Dieses Lager ist kein Anfang. Es ist ein letzter Rest. Varrek wird Asnadun auspressen, bis nichts bleibt, wenn niemand ihn aufhält.«
Mirinda drehte sich langsam zu ihm um.
»Dann halten wir ihn auf.«
»Ihr?«
»Wir.«
Das Wort traf ihn härter als der Schuss. Nicht, weil es möglich war. Sondern weil er es nicht verdient hatte. Weil tief unter Schuld, Gehorsam und Scham noch immer ein Rest von ihm darauf gewartet hatte, dass jemand ihn nicht länger zu ihnen zählte.
Bron sah sie an, und zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich etwas in ihm nicht nach Schuld an. Sondern nach Richtung.
»Warum hast du mich gerettet?«, fragte er. Mirinda blickte auf den Harzverband an seiner Seite.
»Weil du mich gerettet hast. Und weil ich wissen wollte, ob ich dich dafür verachten muss.«
»Und?«
»Ich habe mich noch nicht entschieden.«
Diesmal lächelte Bron. Schwach. Schmerzhaft. Aber echt.
Mirinda trat näher und legte zwei Finger auf den Verband.
»Dieses Harz hält dich aufrecht, solange du nicht dumm genug bist, damit durch ein Menschenlager zu rennen.«
Bron schwieg, und ihr Blick wurde schmal.
»Du bist dumm genug.«
»Ich muss zurück.«
»Dann wirst du sterben.«
»Vielleicht.«
Er richtete sich mühsam etwas auf. Der Schmerz biss sofort zu, doch darunter brannte das Harz, warm und unerbittlich.
»Wenn ich nicht zurückgehe, merkt Varrek, dass vier Soldaten fehlen. Dann sucht er und findet vielleicht diesen Ort.«
Sie hasste, dass er recht hatte. Er sah es ihr an.
»Dann geh«, sagte sie leise. »Aber geh nicht zurück als einer von ihnen.«
Bron sah auf den Verband, auf das dunkle Blatt, auf das bernsteinfarbene Harz.
»Nein«, sagte er. Und diesmal klang seine Stimme nicht brüchig.
»Nicht mehr.«


Bron
Er kehrte vor Sonnenuntergang ins Lager zurück.
Jeder Schritt durch den Dschungel war ein Handel mit dem Schmerz. Die Kräuter hatten die Blutung gestillt, die Wunde geschlossen, aber darunter brannte etwas, das bei jeder Bewegung zupackte. Mirinda hatte ihn bis nahe an die äußeren Sensoren begleitet. Danach war sie verschwunden, so plötzlich, als hätte der Wald sie verschluckt.
Es war besser so. Das sagte er sich.
Trotzdem blieb eine Leere an seiner Seite zurück, die nichts mit der Wunde zu tun hatte. Bron hatte einen Plan. Keinen guten, denn gute Pläne brauchten Zeit. Er hatte eine beschädigte Waffe, eine Hypergranate, die er nie hatte benutzen wollen, und die Erkenntnis, dass Zögern nur eine andere Form von Schuld war.
Er passierte den äußeren Posten mit gesenktem Kopf. Die Wachen lachten über sein zerrissenes Aussehen, fragten, ob eine Pflanze ihn gebissen habe, und ließen ihn weitergehen. Niemand hielt einen verwundeten Aufklärer für gefährlich. Das war ihr Fehler.
In der Zentrale roch es nach heißem Metall. Monitore warfen bläuliches Licht auf müde Gesichter. Kommandant Varrek stand vor der Hauptprojektion und sprach mit zwei Offizieren. Als Bron eintrat, verstummte er.
»Sie sehen erbärmlich aus.«
»Der Dschungel ist nicht so friedlich, wie wir gehofft hatten.«
»Nichts ist friedlich, bis man es kontrolliert.«
Varrek wandte sich wieder dem Monitor zu.
»Aber wir machen Fortschritte.«
Bron folgte seinem Blick. Auf dem Bildschirm sah er die südliche Barrikade. Soldaten zerrten eine Gefangene über den Platz. Ihre Hände waren gefesselt, ihr Haar klebte an der Wange, und obwohl man sie gestoßen hatte, ging sie aufrecht.
Mirinda.
Für einen Moment hörte Bron nichts mehr. Nicht die Stimmen. Nicht den Generator. Nicht sein eigenes Blut. Nur das Wort, das sie gesagt hatte.
Wir.
Unter seiner Jacke zog sich der Verband zusammen. Das bittere Harz ihres Volkes brannte auf seiner Haut, als hätte Asnadun selbst ihn daran erinnert, dass er noch lebte.
»Eben aufgegriffen«, sagte Varrek. »Hat versucht, an die Schwebefelder zu kommen. Eine von den Aufrührerinnen, nehme ich an.«
Bron starrte auf den Bildschirm. Trotz allem hatte sie weitergemacht. Trotz Fangstrahl. Trotz Soldaten. Trotz ihm. Sie war zurückgekehrt, um zu beenden, was sie angefangen hatte.
»Bringen Sie sie nicht ins Feld«, sagte Bron.
Seine Stimme klang fremd. Varrek sah ihn misstrauisch an.
»Wie bitte?«
Auf dem Bildschirm riss ein Soldat Mirinda den Kopf zurück. Sie spuckte ihm ins Gesicht, und Varrek lächelte kalt.
»Ach. Sie kennen sie.«
Bron schwieg. Das reichte. Der Kommandant neigte den Kopf, als hätte Bron ihm endlich ein Rätsel erklärt.
»Wie enttäuschend. Ich dachte immer, Sie seien nur weich. Nicht illoyal.«
Dann drückte er eine Taste am Pult.
»Erschießen.«
Das Wort fiel ohne Gewicht. Als wäre es ein Verwaltungsakt. Auf dem Bildschirm hob einer der Soldaten die Waffe. Bron bewegte sich nicht. Vielleicht, weil sein Körper zu spät begriff. Vielleicht, weil Hoffnung selbst dann noch eine Sekunde weiterlebt, wenn alles bereits entschieden ist. Mirinda sah nicht zu dem Soldaten. Sie sah zur Kamera. Natürlich konnte sie ihn nicht sehen. Und doch hatte Bron für einen unmöglichen Augenblick das Gefühl, ihr Blick finde ihn. Kein Flehen lag darin. Keine Bitte. Nicht einmal Angst. Ihr Mund bewegte sich, doch kein Ton erreichte die Zentrale. Aber Bron verstand das Wort trotzdem.
Frei.
Dann schoss der Soldat. Ein kurzer Lichtblitz und Mirinda sank zu Boden. Etwas in Bron wurde still. So still, dass alles andere deutlich wurde: Varreks Atem. Das Summen der Schilde. Das leise Klicken der Waffensicherungen ringsum. Das Gewicht der Hypergranate an seinem Gürtel. Das Brennen des Harzes auf seiner Haut. Die Gefangenen in den Feldern. Die Kinder von Nym-4. Die Erde, grau und tot. Asnadun, grün und verwundet.
Er tat es nicht, weil Mirinda tot war.
Nicht nur.
Er tat es, weil sie ihn im letzten Augenblick gezwungen hatte, mehr zu sehen als seinen Schmerz. Bron griff nach der Hypergranate. Varrek bemerkte es zu spät.
»Was tun Sie?«
Bron zog die Granate hervor. Der kleine dunkle Körper lag in seiner Hand, unscheinbar wie ein Stein aus einer toten Welt. Er hatte diese Waffe jahrelang getragen. Jetzt fühlte sie sich nicht mehr schwer an.
»Mich erinnern«, sagte Bron. Dann aktivierte er die Zündung. Für einen Herzschlag sah er die Gesichter der Menschen um sich herum. Entsetzen. Unglaube. Wut. Kein Verständnis. Die Granate öffnete sich. Es gab keinen Knall. Nur Licht. Es brach aus Brons Hand, weiß und grenzenlos. Es verschlang die Zentrale, die Monitore, Varreks ausgestreckte Finger, die Wände, die Feldgeneratoren und die Baracken – die letzte stolze Lüge der Menschheit. Für einen Herzschlag stand auf der Lichtung eine zweite Sonne. Dann erlosch sie, und der Dschungel schwieg.
Asche sank auf verbrannte Erde. Metall glühte. Schilde flackerten ein letztes Mal und erloschen. Die Gefangenen stürzten aus den zerfallenden Feldern in Arme, die aus dem Wald kamen, zu Menschen, die trugen, weinten und lebten.
Später würden die Völker Asnaduns von Mirinda erzählen, die zurückgekehrt war, obwohl sie hätte fliehen können. Und sie würden von einem Menschen erzählen, der ihnen die Zukunft geschenkt hatte, indem er eine kleine Sonne entzündet hatte.
Asnadun war frei.
Nicht heil oder unversehrt, aber frei.
Und im verbrannten Herzen der Lichtung regte sich, kaum sichtbar, das erste Grün.