Die Invasoren

 

 

 

 

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Bron:

Gab es etwas, das einen mehr niederdrückte, als die bittersüße Melancholie des Augenblicks indem einem voll und ganz bewusst wird, dass man vollkommen alleine ist? Bron konnte nicht sagen, warum er gerade jetzt so niedergeschlagen war. Es war ja nicht so, dass es ungewohnt für ihn gewesen wäre, allein zu sein. Nein es musste an seiner verdammten Umgebung liegen. Sie als trostlos zu beschreiben, würde ihr im Grunde noch schmeicheln. Und deshalb schwelgte er sich in deprimierender Trübseligkeit, während er in seiner Barack lag und die sterile Decke anstarrte.

Draußen auf dem Gang hörte er hecktische Schritte vorübereilen. In dieser Station herrschte immer Betrieb. Er befand sich in einem Basislager der Menschen. Genau genommen dem letzten Basislager. Vor langer Zeit war seine Rasse ausgezogen, um den Weltraum zu erobern. Es war ihnen gelungen. Bis sie sich in einer verehrenden Schlacht beinahe selbst ausgelöscht hätten. Keiner wusste, was genau geschehen war. Ein paar ihrer Raumschiffe hatten plötzlich das Feuer eröffnet und die anderen hatten es erwider. Das Schiff, auf dem sich Bron befunden hatte, war im letzten Moment entkommen. Auch wenn sicherlich noch andere Schiffe hatten entfliehen können, so war doch gewiss, dass die Herrschaft der Menschheit vorbei war. Deshalb war Brons Raumschiff nach Asnadun geflogen. Einem Dschungelplaneten fernab von den politischen Zentren des Sternenreiches. In der Hoffnung, dass die Nachricht über die Zerstörung der menschlichen Flotte noch nicht bis hierher durchgedrungen war, landeten sie und errichteten ihr Basislager. Wenn sie schnell genug handelten, konnten sie dem endgültigen Untergang vielleicht entgehen ...

 

 

Mirinda:

Geduckt bewegte sich Mirinda durch das Dickicht Asnaduns, direkt auf die von Menschen geschaffene Bresche zu, auf der sich die Station der Menschen befand. Als sie sah, mit welcher Brutalität die Menschen gewütet hatten, wurde ihr das Herz schwer. Warum mussten diese Wesen alles zerstören? Warum nahmen sie sich nicht die Zeit, es zu ergründen? Asnadun war eine friedliche Welt. Zumindest bis zu jenem Tag, an dem die Eroberer gekommen waren, die sich so harmlos Menschen nannten.

Wie aus heiterem Himmel waren sie unvermittelt aufgetaucht. Sie landeten mit ihren gewaltigen Maschinen. Protzten mit ihrer Technik und waren doch wie Kinder, denen man Spielzeuge gegeben hatte, für die sie noch nicht bereit waren. Die Menschen hatten so getan, als kämen sie als Freunde. Sie hatten Kundschafter geschickt und Kontakte zu den verstreut lebenden Völkern hergestellt. Und ganz nebenbei haben sie ihre gewaltige Station aufgebaut. Als die Völker Ananduns anfingen zu ahnen, das die Eindringlinge nicht vorhatten den Planeten wieder zu verlassen beschlossen sie herauszufinden, was die Menschen hier wollten.

Mirinda war stolz darauf, dass sie es gewesen war, die entdeckt hatte, wie die Menschen die reichhaltigen Rohstoffe des Planeten plünderten. Der Schrecken über diese Erkenntnis saß tief. Jeder wusste, dass die Menschen ihren eigenen Planeten völlig zugrunde gerichtet hatten. Doch warum kamen sie ausgerechnet jetzt? Und warum auf diesen Planeten? Es gab etliche, die ähnlich reich an Rohstoffen waren und dabei viel näher am Zentrum des menschlichen Sternenreiches lagen.

Etwas musste geschehen sein. Etwas Gravierendes. Und deshalb war Mirinda nun auf dem Weg zum Basislager der Menschen. Sie brauchte mehr Informationen. Sie wollte in Erfahrung bringen, was die Menschen dazu veranlasst hatte, ausgerechnet auf diesem Planeten zu landen.

Was sie vorhatte, war gefährlich. Doch es musste getan werden ...

 

 

Bron:

Noch immer starrte er die Decke über sich an und dachte schwermütig über sein Leben nach. Er war ein Aufklärer, dazu da um auf fremden Planeten Kontakt zu den einheimischen Völkern herzustellen.

Früher einmal hat ihn seine Arbeit mit Stolz und Zufriedenheit erfüllt, doch seit einigen Jahren war dem nicht mehr so. Angefangen hatte es an jenem Tag, als ihm sein Vorgesetzter ohne jede Vorwarnung eine Hypergranate in die Hand gedrückt hatte. Zusammen mit dem Befehl sie zu zünden, falls sich ein Volk nicht kooperativ zeigen sollte. Seitdem nagten Zweifel an ihm. Sie arbeiteten in ihm, wie ein wucherndes Geschwür. Was wenn er das Falsche tat? Wenn er auf der falschen Seite stand? Und das nur, weil er dort geboren worden war? Reichte das als Grund? Als Entschuldigung? Als Rechtfertigung?

Er glaubte nicht. Warum kamen sie immer als Eroberer und nie als Helfer? Wann hatte seine Rasse begonnen die Wirtschaftlichkeit über die Menschlichkeit stellen? Was könnte in diesem Universum alles erreicht werden, wenn alle Völker zusammenarbeiteten, wenn sie ihr Wissen miteinander teilen würden, um voneinander zu lernen. Mussten sie jedes Volk unterwerfen und jeden Planeten ausbeuten, bis er karg uns trostlos war? Wie die Erde.

Wehmütig dachte er an den einst blauen Planeten, der schon vor Jahrzehnten unbewohnbar geworden war.

»He Bron, auf jetzt. Mach, das du rauskommst. Die Arbeit macht sich nicht von allein«, schrie sein Kommandant. Mühsam zwang Bron sich aus seinen Gedanken und verließ die Baracke und kurz darauf die schützenden Räume der Basis. Als er auf den Rand der Lichtung zuschritt, die sie geschaffen hatten, sah er schon von weitem die Gefangenen. Seit Tagen wurden sie in Schwebefeldern festgehalten. Als er ihre ausgemergelten Körper sah, wurde ihm so schlecht, dass ihm die Galle hochkam. Mussten sie so zur Schau gestellt werden? Das war entwürdigend. Beschämt wandte er den Blick ab und lief in den Dschungel. Vielleich konnte er zumindest ein paar von ihnen retten. Diese Hoffnung war der einzige Grund, warum er morgens noch in den Spiegel schauen konnte. Wenn auch nicht für lange.

 

 

Mirinda:

Regungslos kauerte sie im Schatten eines Strauches. Sie ahnte, dass ein Fehler gewesen war, sich soweit vorzuwagen. Sie war zu nah am Basislager der Menschen. Es war zu viel los. Früher oder später würde sie unweigerlich entdeckt werden. Es war ein Wunder, das dies noch nicht geschehen war.

Obwohl sie alles von hier forttrieb, obwohl jede Faser ihres Körper von hier weg wollte - so konnte sie es doch nicht. Ihr Blick war starr auf die vier großen Schwebefelder gerichtet, die in einiger Entfernung errichtet worden waren. Die Menschen hatten einige Bewohner Ananduns gefangen genommen und hielten diese in diesen Schwebefeldern gefangen. Einige hingen so reglos in ihren Feldern, dass Mirinda nicht sagen konnten, ob sie noch lebten.

Nicht wenige von ihnen waren ihrer Kleidung beraubt. Noch etwas was sie an den Menschen nicht verstand. Warum sahen sie es als Strafe, wenn sie ihre Gefangenen entkleideten? Für die Bewohner Ananduns war unbekleidete Haut nichts Anstößiges oder gar Ungewöhnliches. Hätten die Menschen versucht im Vorfeld etwas über die Bewohner dieses Planeten herauszufinden, dann hätten sie dies gewusst.

Doch natürlich verstand Mirinda denn Sinn dahinter. Die Menschen taten dies in der Absicht sie zu demütigen. Und diese Absicht ließ Mirindas Blut in Wallung geraten. Niemandem stand es zu, sich derart über einen anderen zu stellen.

Gedankenversunken bemerkte sie gerade noch rechtzeitig einen Mann, der das Lager verließ und auf sie zukam. Sie erkannte in ihn einen der sogenannten Aufklärer, die zu den Führern ihrer Völker geschickt wurden. Mit schönen Worten versuchten sie die Geister ihrer Anführer zu verwirren, doch die Völker Ananduns waren nicht so einfältig, als das sie darauf hereinfallen würden. Doch obwohl sie nichts als Abscheu für diese Rasse übrig hatte, so konnte sie nicht leugnen, dass das Gesicht des Menschen unerwartet attraktiv wirkte. Für einen Menschen natürlich. Nur der Ausdruck darauf wollte nicht so recht zu dem Bild passen, welches sie sich von dieser Rasse gemacht hatte. Er wirkte nachdenklich und traurig. Vermutlich war es nur eine Maske. Womöglich hoffte er, damit die Anführer ihrer Völker täuschen zu können. Ja so musste es sein, dachte sich Mirinda. Eilig wandte sie sich um. Allerdings zu spät. Nicht weit von ihr traten vier Menschenkrieger aus dem Dickicht, welches sie bisher verborgen hatte. Mirinda verfluchte sich. Sie war zu leichtsinnig gewesen. Doch sie hatte es versuchen müssen.

Ein Fangstrahl erfasste Mirinda und machte sie bewegungsunfähig.

»Na was haben wir den da«, fragte einer der Männer. »Sieht mir nach einer kleinen Raubkatze aus. Seht nur, wie giftig sie uns anblickt«. Die anderen Männer lachten.

»Mal sehen, ob wir sie nicht zähmen können.«

Mirinda hatte von den Übergriffen der Menschen gehört - doch sie hatte es nicht glauben können. Bis jetzt. Sollte sie am eigenen Leib erfahren, was es hieß eine Gefangene der Menschen zu sein? Sie versuchte sich zu sträuben, zu wehren - doch natürlich gelang ihr das nicht. Gerade als die Männer über sie herfallen wollten, teilte sich raschelnd das Dickicht hinter ihnen und ein grimmig dreinschauender Mann trat hervor ...

 

 

Bron:

Bron trat aus dem Dickicht und war außer sich. War es wirklich schon so weit gekommen? War seine Rasse so verkommen, dass sie vor nichts mehr haltmachte? Es schien so. In diesem Moment widerte es ihn an, ein Mensch zu sein. Es erschien ihm wie ein Makel, von dem er sich nicht befreien konnte, egal wie sehr er es auch versuchte. Aber zumindest eines konnte er tun.

Die Männer hatten einen Moment überrascht innegehalten, als er aus dem Dickicht getreten war. Als sie erkannten, dass er nur ein Aufklärer und somit viel niedriger als sie gestellt war, blickten sie ihn verächtlich an.

»Verschwinde! Hier gibt es nichts für dich zu tun. Oder Jungs?« Die anderen Männer stimmten drohend zu.

»Ich verstehe«, antwortet Born, und bevor die Krieger begriffen, zog er seine Waffe und drückte ab. Er hatte nicht geglaubt damit Erfolg zu haben, doch binnen eines Augenblicks lagen die vier Männer tot am Boden. Nur einer von ihnen war überhaupt dazu gekommen, nach seiner Waffe zu greifen.

Erschrocken starrte Born auf die dampfenden Körper. Schwäche überkam ihn, ein grausamer Schmerz verriet ihm, dass auch er getroffen worden war. Benommen blickte er an sich herab. Die Wunde war nicht tödlich - zumindest nicht sofort. Er würde jämmerlich zugrunde gehen. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn, während die Kraft ihn fluchtartig verließ und er keuchend zu Boden sank. Die Welt um ihn herum verblasste und sein Sichtfeld wurde beständig kleiner. Krämpfe schüttelten unaufhaltsam seinen Körper und ihm wurde bitterlich kalt.

Immerhin ist die Gefangene frei, dachte er sich. Mit dem Tod der Männer hatte sich der Fangstrahl aufgelöst. Sie war zu Boden gesunken. In diesem Augenblick erschien sie ihm wunderschön. Schöner als jede Menschenfrau, die ihm zeit seines Lebens begegnet war. Sie hatte diese natürliche Anmut, die alle Frauen seines Volkes schon lange verloren hatten. Er sah, wie sie sich langsam aufrichtete, dann wurde es schwarz um ihn ...

 

... Als er erwachte, war der Schmerz an seiner Seite auf ein erträgliches Maß abgeklungen. Verwirrt sah er sich um. Er befand sich in einer Hütte und lag auf einer Liege aus Blättern. Seltsam weich und angenehm. Wie war er hierhergekommen?

Neugierig wandte er den Kopf. Neben ihm saß die Frau welche er gerettet hatte und blickte ihn nachdenklich an.

»Du bist ein seltsamer Mensch«, meinte sie mit melodischer Stimme. »Warum hast du die Männer angegriffen?«, verlangte sie zu wissen.

»Ich weiß es nicht - vielleicht weil sie das Falsche tun ...«, versuchte er zu erklären. Seine Stimme klang kraftlos und brüchig. »Ich glaube viele meines Volkes haben vergessen, was es heißt Mensch zu sein. Wir waren einmal anders, doch das ist schon lange her. Ich weiß es nur aus alten Geschichten. Früher waren wir die Guten«, meinte er mit Traurigkeit in der Stimme.

»Viellicht muss dein Volk nur daran erinnert werden?«, meinte die Frau.

»Das wäre möglich, doch wie? Kaum einer erinnert sich daran. Es ist ... als wären wir schon immer so gewesen«.

»Du erinnerst dich daran. Das ist doch schon ein Anfang. Und wenn es einen gibt, dann gibt es auch andere, du musst sie nur finden«.

»Vermutlich hast du recht. Darf ich deinen Namen erfahren?«

Überrascht sah sie ihn an, dann antwortete sie: »Mirinda - und du?«

»Bron«, antwortete er zufrieden ...

 

... Schwerfällig schleppte Bron sich durch das Dickicht. Es war jetzt nicht mehr weit, allerdings behinderte ihn seine Wunde. Aber er wollte ich nicht beschweren. Wenigstens lebte er noch. Mirinda hatte in bis vor wenigen Minuten begleitet, doch dann hatten sie sich getrennt. Es war besser so ...

 

... Erschöpft schleppte er sich in die Zentrale, um Bericht zu erstatten. Sein Kommandant wirkte zwar ein wenig verwundert über sein zerfetztes Erscheinen, sagte aber vorerst nichts. Stattdessen drehte er sich herum und deutete stumm auf einen Monitor.

»Eben haben wir wieder eine dieser Wilden eingefangen«

Erschrocken sah Bron auf den Bildschirm, mit Entsetzen bemerkte er, dass es Mirinda war, die dort von mehreren Männern eskortiert wurde.

»Tötet sie«, befahl Bons Kommandant, ohne mit der Wimper zu zucken.

Wie in Zeitlupe sah Bron, wie einer der Männer auf dem Bildschirm seine Waffe hob und abdrückte. Ein kurzer Lichtblitz, dann sank Mirinda für immer leblos zu Boden. In diesem Moment wusste Bron, was er zu tun hatte. Ruckartig griff er an seinen Gürtel, zog die Hypergranate hervor und aktivierte die Zündung. Er würde nie den entsetzten Ausdruck auf den Gesichtern um ihn herum vergessen. Dann tauchte ein gigantischer greller Blitz alles in gleißendes Licht, das alles um sich herum verschlang.

Anandun war frei.